Angriffe auf Vielfalt
Wie antifeministische Ideologien Gewalt gegen CSDs und queere Einrichtungen befeuern
Christopher Street Days (CSDs) geraten zunehmend ins Visier organisierter Anfeindungen und politischer Mobilisierung.
Queer- und trans*feindliche Angriffe nehmen zu und zeigen besonders deutlich, wie eng Antifeminismus, Rechtsextremismus und Gewalt gegen queere Sichtbarkeit miteinander verwoben sind. Sie sind kein Randphänomen.
Die gewaltvolle Verhandlung von Fragen der Geschlechtergerechtigkeit und die Bekämpfung von geschlechtlicher, körperlicher sowie reproduktiver Selbstbestimmung bilden seit jeher zentrale Bezugspunkte extrem rechter und autoritärer Bewegungen und gehören zum Kern antifeministischer Ideologien. Zunehmend misogyne Formen der Radikalisierung in der Gesellschaft und die Verquickung misogyner, queerfeindlicher, sexistischer Motive in antifeministischen Erzählungen und Strategien zeigen, wie untrennbar diese Ebenen zusammenhängen.
In den organisierten antifeministischen Angriffen auf Frauenverbände, kommunale Gleichstellungsbeauftragte oder Gewaltschutzeinrichtungen, die in den vergangenen Jahren bei der Meldestelle Antifeminismus dokumentiert wurden, erfüllen regelmäßig auch queerfeindliche Motive bzw. die darin verstrickten antifeministischen Feindbilder und Narrative eine grundlegende Funktion. Sie fungieren etwa als Anlass für Angriffe, bieten Anschlussfähigkeit und Instrument zur Skandalisierung von bzw. Mobilisierung gegen frauenpolitische Strukturen. Ein Beispiel:
In direkter Umgebung der Räumlichkeit eines Frauenzentrums bringt die rechtsextreme Kleinstpartei „Der III. Weg“ wiederkehrend Plakate und Aufkleber an. Die Plakate zeigen in Wort- und Bildsprache gewaltvolle, menschenfeindliche Inhalte, die Gleichstellung von Frauen und vielfältigen Familienmodellen ablehnen und homo-/trans*feindliche Botschaften bzw. Desinformationen transportieren. Die Aktionen finden häufig in zeitlicher Nähe zu anstehenden öffentlichen Veranstaltungen und Bildungsangeboten des Frauenzentrums statt.
Antifeministische Mobilisierung funktioniert häufig auch über Mechanismen, die Gleichberechtigungsinteressen und Fragen sozialer Gerechtigkeit gegeneinander ausspielen oder frauenpolitische Anliegen strategisch instrumentalisieren – eine Strategie, die die „Christian Right“ in den USA schon seit vielen Jahren anwendet und dabei die viel zitierte Brückenfunktion von Antifeminismus nutzt. Beispiele dafür sind die breite rassistische Instrumentalisierung des Themas sexualisierte Gewalt gegen Frauen oder die queerfeindliche Aufladung von Anliegen im Zusammenhang mit dem Schutz von Kindern vor sexualisierter Gewalt (vgl. Leidinger in diesem Heft).
Im Kontext von Trans*feindlichkeit ist die Instrumentalisierung der Themen Gewaltschutz und Frauenrechte in den vergangenen Jahren eine zentrale antifeministische Strategie. So werden etwa trans*misogyne Erzählungen und Desinformationen verbreitet, um (cis)-Frauenrechte gegen die Rechte und Selbstbestimmung von trans* Menschen auszuspielen und vor allem trans*weibliche Personen durch teils systematische Desinformationskampagnen zu dämonisieren (vgl. gegen-antifeminismus.de). Gleichzeitig geraten Verbände, Wissenschaftler*innen, Gewaltschutzorganisationen, Gleichstellungsstellen, Frauenhäuser und Fachberatungsstellen, die sich trans*- und queerfeindlichen Setzungen und den damit verbundenen gewaltvollen Mobilisierungen verweigern oder sich explizit dagegen positionieren, in den Fokus antifeministischer Feindbildmarkierungen. Sie werden zunehmend systematischer angegriffen.
Im Jahr 2024 registrierte die Meldestelle Antifeminismus insgesamt 558 antifeministische Vorfälle (vgl. Hartmann/Quirion 2025). Davon war mehr als jeder zweite erfasste Vorfall queerfeindlich motiviert (306) und in 123 Vorfällen spielte explizite Trans*feindlichkeit (vor allem gegenüber trans* Frauen) eine zentrale Rolle (vgl. ebd., 1). Trans*- und Queerfeindlichkeit sind zentrale Mobilisierungselemente in antifeministischen Kampagnen. Dies zeigt sich aktuell besonders deutlich in der hohen Zahl von Angriffen auf CSDs. Insgesamt 92 Angriffe, die auch als antifeministisch motiviert bzw. mit Bezug auf entsprechende Akteur*innen und Ideologien zu werten waren, erfasste die Meldestelle im Jahr 2024 (vgl. ebd., 3). Die Amadeu Antonio Stiftung dokumentierte für 2024 insgesamt 55 Angriffe rechtsextremer Störer*innen, im Jahr 2025 waren von 110 erfassten Störungen insgesamt 53 explizit rechtsextremen Akteur*innen zuzuordnen (vgl. Lochau/Pohl 2025, 8).
2024 zeichnete sich bereits ab, dass CSDs in Ostdeutschland stärker angefeindet werden, eine Beobachtung, die sich nach vorliegenden Daten für die CSD-Saison 2025 verstärkt. Diese Entwicklung wurde bereits früh in der differenzierten Analyse des Autor*innenkollektivs Feministische Intervention für das Jahr 2024 (vgl. AK Fe.In 2025) erfasst und spiegelt sich u. a. in den bundesweiten Erhebungen des Verbands der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt (VBRG 2025) und den polizeilich erhobenen Zahlen zur politisch motivierten Kriminalität (PMK) wider (vgl. dazu kritisch LSVD+ Bundesverband 2025).
Gewalt gegen CSDs als Form
rechtsextremer Raumnahme
2025 fanden in Deutschland 245 Christopher Street Days (CSDs) statt (Lochau/Pohl 2025, 8), so viele wie nie zuvor. Diese Zahl steht nicht nur für eine zunehmende Sichtbarkeit und gesellschaftliche Akzeptanz queeren Lebens, sondern auch für die notwendige demokratische Reaktion auf zunehmende rechtsextreme Raumnahme sowie den Anstieg queerfeindlicher und antifeministischer Einstellungen in der Gesellschaft insgesamt.
Insgesamt treten mittlerweile bei fast jedem zweiten CSD rechtsextreme Störungsversuche auf – besonders häufig in Regionen, in denen die AfD bei Wahlen über 20 % erzielt hat (Lochau/Pohl 2025, 8). Zu beobachten sind Einschüchterungen in Form organisierter Raumnahme. Während Parteien wie die AfD über Agenda-Setting, Diskursverschiebungen und strukturelle Angriffe auf Fördermittelgeber einzuwirken versuchen, setzen etablierte Neonazi-Strukturen auf der Straße Strategien und Taktiken der Gegenmobilisierung ein. Diese werden zunehmend professionell über soziale Medien organisiert, zielen auf räumliche Präsenz und Dominanz und beziehen häufig gewaltbereite sowie reisebereite Jugendliche aus Fußball- und Hooligan-Milieus ein, wie das Autor*innenkollektiv Feministische Intervention (vgl. AK Fe.In 2025; Heinrich Böll Stiftung Rheinland-Pfalz 2025) herausarbeitet. In Kommunalparlamenten bringt die Partei regelmäßig „kritische“ Anfragen zu Pride-Flaggen oder zum vermeintlich „politischen Charakter“ von Pride- und CSD-Veranstaltungen ein. Die eigentliche Mobilisierung zu rechtsextremen Aktionen, die sich offen gegen CSDs und Pride-Events richten, übernehmen hingegen etablierte Neonazi-Strukturen und -Gruppierungen wie „Jung und Stark“ oder die „Jungen Nationalisten“, die Jugendorganisation der rechtsextremen Partei „Die Heimat“ (vormals NPD). Queerfeindlichkeit fungiert dabei als gemeinsamer Nenner – als emotional aufgeladener Mobilisierungsfaktor, der (auch neue) Verbindungen zwischen verschiedenen rechtsextremen Akteuren und Spektren ermöglicht, da er im Kern rechtsextremer Ideologie verankert ist.
Antifeminismus als Brückenfunktion
Aber auch jenseits des rechtsextremen Spektrums nehmen queerfeindliche Einstellungen zu. Die zweijährlich erscheinende „Mitte-Studie“ der Friedrich-Ebert-Stiftung verzeichnet aktuell Entwicklungen, die dem „langjährigen Trend zunehmend egalitärer Einstellungen“ (Zick u. a. 2025, 133) in der Bevölkerung entgegenlaufen. Für den Erhebungszeitraum 2024/2025 fällt dabei besonders der starke Anstieg trans*feindlicher Einstellungen auf. Rund 19 Prozent der Befragten stimmten demnach Äußerungen zu, die trans* Menschen verächtlich machen (vgl. ebd., 132) – im Vergleich zu davor 17 % (2022/2023) und 11 % (2020/2021). 12 % der Befragten finden es den aktuellen Zahlen zufolge auch „ekelhaft, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen“ (ebd., 132). Die Studie kommt weiter zu dem Ergebnis, dass queerfeindliche und rechtsextreme Themen nicht nur zunehmend „durch die politische Mitte übernommen“, sondern dort „auch politisch umgesetzt“ würden (ebd., 367).
Folgender Zusammenhang lässt sich also herstellen: (Zunehmend etablierte) antifeministische Angriffsstrategien verschärfen das gesellschaftliche Klima und erleichtern die Anschlussfähigkeit rechtsextremer Positionen bis in die gesellschaftliche Mitte. Antifeminismus wirkt dabei als Brückenideologie, der auf tief verankerten Einstellungen wie Sexismus und Misogynie, aber eben auch Ablehnung von queeren und Trans*lebensweisen aufbauen kann. Themen wie geschlechtliche Vielfalt, Selbstbestimmung oder Gleichstellung können so gezielt politisiert werden. CSDs dienen in diesem Kontext als besonders sichtbare Projektions- und Angriffsflächen. Die starke Infragestellung bis hin zur Ablehnung der Pride-Flagge verdeutlicht dies und zeigt sich symbolisch zugespitzt, wenn etwa das Hissen von Regenbogenflaggen durch Kommunen oder Politiker*innen als Bruch vermeintlicher Neutralität skandalisiert wird.
Trotz allem zeigen die vergangenen Jahre aber auch: CSDs sind Lernorte der Solidarität. Menschen, die nicht von Feindlichkeiten etwa gegen Lesben, Schwule und trans* Personen betroffen sind, solidarisieren sich und setzen sich gemeinsam für eine Kultur der gelebten Vielfalt in Stadtgesellschaften ein. Dass CSDs als „Bollwerke der Demokratie“ beschrieben werden können, zeigt sich insbesondere im ländlichen Raum. Viele Veranstalter*innen haben ihre Sicherheitskonzepte professionalisiert, und die wachsende Zahl neuer CSDs, teils auch steigende Teilnehmendenzahlen, beweisen, dass sich queere Communities nicht einschüchtern lassen und CSDs auch von breit gefächerten bürgerlichen Bündnissen und Demokratie-Initiativen getragen oder (mit)organisiert werden. Dies erweist CSDs und ihr Eintreten für queere Rechte und Sichtbarkeit nicht nur als politischen Akt an sich, sondern auch als Ausdruck einer widerständigen, pluralen Zivilgesellschaft, die füreinander einsteht, als Orte, an denen demokratische Werte gemeinsam zelebriert und verteidigt werden.
Angriffe auf LSBTIQ*-Räume und
queere Pädagogik
Die bei der Meldestelle Antifeminismus eingegangen Vorfallsmeldungen zeigen auch weitere Bereiche, in denen queere Sichtbarkeit und LSBTIQ*-Selbstorganisierung aktuell besonders zur Zielscheibe rechtsextremistischer und antifeministischer Mobilisierungen werden (vgl. Hartmann/Quirion 2025). Dazu gehören Angriffe auf queere Treffs, Zentren oder privatwirtschaftliche Unternehmen wie Bars und Cafés, u. a. in Form von Sachbeschädigungen wie Schmierereien an Fassaden, aber auch Brandstiftungen bis hin zu körperlichen Angriffen, etwa auf Mitarbeitende (ebd.). (Nur) ein konkretes Beispiel ist das in Neubrandenburg Anfang 2024 neu eröffnete queere Zentrum „queerNB“. Bei dieser einzigen Anlaufstelle für queere, trans* und nichtbinäre Menschen im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte kam es seither regelmäßig zu Angriffen in Form massiver Sachbeschädigung, begleitet durch queerfeindliche und rechtsextreme Botschaften. Das queerNB steht sinnbildlich für Einrichtungen, die Beratungs- und Unterstützungsangebote für queere Jugendliche und Erwachsene bereitstellen, die in einer heteronormativen Dominanzgesellschaft Diskriminierung und leider eben auch wieder mehr Gewalt im Alltag erleben.
Ausblick
Solche Angriffe sind nicht neu, vielmehr kontinuierlicher Bestandteil der Emanzipationsgeschichte, auch international. Betroffene machen schon lange auf diese Entwicklungen und Zusammenhänge aufmerksam. Durch „Aufmerksamkeitsfenster“ in der medialen Berichterstattung werden die Angriffe derzeit öffentlich wahrnehmbarer.
Die Mechaniken antifeministischer, queer- und vor allem trans*misogyner Mobilisierungen und Bündnisse – leider zum Teil auch in feministisch deklarierten Kontexten – bilden jedoch längst die Schablone für viele der (Gewalt- und Ausgrenzungs-)Erfahrungen Betroffener, ihre Zukunfts- und Lebensentwürfe.
Diese Entwicklungen sind in keinem Moment unabhängig von der parallel stattfindenden politischen Infragestellung frauen- und gleichstellungspolitischer Institutionen und Errungenschaften begreifbar. Auch nicht ohne die sich damit verbindende und „bewährte“ strategische Abwertung weiblicher Perspektiven und politischer Repräsentation, die grundsätzlich jede Form geschlechtsspezifischer Gewalt und Ungleichverhältnisse legitimiert. Angriffe auf Frauen, die politische Ämter innehaben, sich für feministischen Gewaltschutz, reproduktive Selbstbestimmung oder schlicht gegen Rechtsextremismus aus weiblicher Perspektive einsetzen, entladen sich auch auf Grundlage dieser Mechanismen.
Die Zunahme frauenfeindlicher, antifeministischer Einstellungen spitzt zwangsläufig auch die individuelle Gefährdung, massive bis tödliche Gewalt zu erfahren, in allen Lebensbereichen systematisch zu. Notwendig ist hier eine ganzheitlichere Sichtweise. Die gesellschaftliche Einordnung, das Problemverständnis und die politischen Antworten darauf dürfen nicht von medialen Aufmerksamkeitsfenstern oder Identitätsschubladen bestimmt sein. Oft sind es ohnehin die Gleichen, die am einen Tag zum CSD gehen und am nächsten in Beratungsstellen und Frauenhäusern arbeiten bzw. die sich bei den Omas gegen Rechts engagieren – um es einmal zugespitzt zu formulieren.
Literatur
Autorinnenkollektiv Feministische Intervention 2025: Demonstrationen, Angriffe und Störungen: Nazis greifen queeres Leben an. Ein Rückblick auf die Pride-Saison 2024. https://www.nsu-watch.info/2025/06/demonstrationen-angriffe-und-stoerungen-nazis-greifen-queeres-leben-an-ein-rueckblick-auf-die-pride-saison-2024/
gegen-antifeminismus.de (ohne Datum): „Trans Menschen als Bedrohung für Frauenrechte“. https://gegen-antifeminismus.de/trans-menschen-als-bedrohung-fuer-frauenrechte/
Hartmann, Ans/Quirion, Palo 2025: Antifeministische Zustände sichtbar machen. Antifeministische Vorfälle in Deutschland 2024. Kurzbericht zu Zahlen und Analysen der Meldestelle Antifeminismus. Stralsund.
Heinrich Böll Stiftung Rheinland-Pfalz 2025: Kampf den Paraden: Rechte Angriffe auf die CSDs (mit der Feministischen Intervention). In: Auf der rechten Spur. Podcast zu rechten Politiken und Strategien. Podcast-Episode.
https://auf-der-rechten-spur.podigee.io/26-kampf-den-paraden-rechte-angriffe-auf-die-csds-mit-der-feministischen-intervention
Lochau, Lea/Pohl, Ronja 2025: Sicherheitsreport zu rechtsextremen Angriffen auf CSDs. Berlin.
LSVD+ Bundesverband 2025: Politisch motivierte Kriminalität und Queerfeindlichkeit auf neuem Höchststand. Pressemitteilung. https://www.lsvd.de/de/ct/14408-Politisch-motivierte-Kriminalitaet-und-Queerfeindlichkeit-auf-neuem-Hoechststand
Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt e.V. 2025: Rechte, rassistische und antisemitische Gewalt in Deutschland 2024: Jahresbilanzen der Opferberatungsstellen. https://verband-brg.de/rechte-rassistische-und-antisemitische-antisemitische-gewalt-in-deutschland-2024-jahresbilanzen-der-opferberatungsstellen/
Zick, Andreas u.a. (Hg.): Die angespannte Mitte. Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland 2024/25. Bonn.
[Alle Links letztmalig abgerufen am 6.1.2026.]