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Der Rezensent

Prof. Dr. Bernd Overwien, Humboldt-Universität Berlin

Bücher für den Unterricht

Sabine Achour, Matthias Sieberkrob, Detlef Pech, Johanna Zelck, Philip Eberhard (Hg.): Handbuch Demokratiebildung und Fachdidaktik. Bd 1: Grundlagen und Querschnittsaufgaben, Bd 2: Fachperspektiven. Wochenschau Verlag: Frankfurt/M. 2025, 296 + 264 Seiten 

Das Handbuch setzt an Defiziten in der schulischen Demokratiebildung an, die in der ersten Phase der Lehrkräftebildung als Querschnittsaufgabe heute zu wenig sichtbar ist, und entfaltet dann das ganze Feld der Diskussion. Zunächst wird in einem einführenden Aufsatz diskutiert, was Demokratiebildung sei, und verdeutlicht, was sie leisten soll. So werden Räume demokratischen Lernens zunehmend angegriffen und müssen geschützt werden. Demokratiebildung und politische Bildung sind nicht neutral, wie es Rechtspopulisten behaupten, sondern orientieren sich an Verfassung und Menschenrechten. Der Beutelsbacher Konsens enthält entsprechend keineswegs ein Neutralitätsgebot, sondern zeigt wichtige Prinzipien des Lehrkräftehandelns: keine Überwältigung, Schaffung von Kontroversität und eine Orientierung an den Interessen der Lernenden.

Verschiedene Fehlverständnisse werden an Demokratiebildung herangetragen, wie etwa auch das einer Feuerwehrfunktion gegenüber Angriffen auf Demokratie und Menschenrechte. Demokratiebildung soll im Gegensatz zu diesem Verständnis Daueraufgabe sein und auf der Grundlage von demokratischen Grundwerten zu einer politischen Analyse-, Urteils- und Handlungsfähigkeit beitragen. Ganz offensichtlich soll das Handbuch helfen, den Begriff der Demokratiebildung aus bisher oft beliebiger Verwendung langsam zu einem Sammelbegriff zu konturieren, der alle Aktivitäten hin zum „Demokratie Lernen“ umfasst. Vergangene Kontroversen um Demokratiepädagogik und politische Bildung sind überwunden. Jetzt geht es um Theorie und Praxis von Demokratiebildung auf verschiedenen Ebenen. Dabei gibt es bei der Nutzung des Begriffs der Demokratiebildung in der Einführung zu den zwei Bänden eine gewisse Vorsicht, weil ja auch die Gefahr bestehe, dass bei Etablierung eines neuen (Dach-)Begriffs die etablierte politische Bildung geschwächt werden könnte.

Das Handbuch verknüpft Demokratiebildung mit weiteren Querschnittsaufgaben und pädagogischen Herausforderungen der Schule und der Lehrkräftebildung. Zweiundsiebzig profilierte Autorinnen und Autoren nähern sich zunächst den theoretischen und normativen Grundlagen der Demokratiebildung und diskutieren spezifische Herausforderungen in den verschiedenen Schulformen. Dann werden Brücken gebaut zwischen relevanten anderen Ansätzen und Querschnittaufgaben zur Demokratiebildung, wenn es etwa im Umgang mit Ideologien der Ungleichwertigkeit um Rassismuskritik oder auch um Klassismus geht, einem bisher wenig beachteten Feld. Damit einher geht auch ein Blick auf Widersprüche zwischen einer demokratisch gestalteten Gesellschaft und kapitalistischen Denk- und Handlungsweisen. Auch die Relevanz von Genderfragen in der Demokratiebildung wird thematisiert. Weitere Herausforderungen im Querschnitt betreffen die Bildung für nachhaltige Entwicklung, die digitale Partizipation und auch Ansätze einer europäischen Bürgerlichkeit. Friedensbildung auf verschiedenen Ebenen wird genauso thematisiert wie Partizipation in der Schule.

Im zweiten Band kommen die für Demokratiebildung relevanten Fachdidaktiken zu Wort. Hier wird etwas geleistet, das es in dieser Form bisher kaum gibt. Demokratiebildung bzw. politische Bildung wird ja schon lange als Querschnittsaufgabe gesehen, es fehlt aber oft die Konkretisierung in den Fächern. Dieses Defizit wird hier sehr produktiv bearbeitet. Dabei wird der Blick zunächst auf die Grundschule gerichtet. Hier geht es um Demokratiebildung in der Deutschdidaktik, im Sachunterrricht und auch im naturwissenschaftlichen Unterricht. Anschließend wird ausgebreitet, welchen Beitrag die MINT-Fächer zur Demokratiebildung leisten können. Naturwissenschaftliche Bildung wird dabei berechtigterweise als wesentliche Voraussetzung gesellschaftlicher Teilhabe gesehen. Naheliegenderweise gibt es einen Zusammenhang zwischen Informatik und Demokratiebildung und es werden die Beiträge der entsprechenden Didaktik thematisiert. Es geht um Physik und auch um den beispielhaften Blick auf Lithium und die gesellschaftlichen Dimensionen des Abbaus.

Die Didaktiken der Gesellschaftswissenschaften werden im folgenden Teil eingehend betrachtet, wie nicht anders zu erwarten geht es um historisches Lernen, aber auch um Geographie und Demokratiebildung und um die Frage, wie Demokratiebildung als übergreifende Aufgabe mit dem Politikunterricht zusammenhängt. Bisher in der Diskussion von politischer Bildung und Demokratiebildung zu kurz kommt ein Feld, das hier auch angesprochen wird: Wie kann im Sinne der Demokratiebildung erfolgreich im Integrationsfach Gesellschaftswissenschaften gearbeitet werden? Im weiteren Verlauf geht es dann genauso um Religion und Philosophie wie um den Wirtschaftsunterricht als Feld von Demokratiebildung. Nicht zuletzt werden auch die modernen Sprachen als entsprechendes Feld gesehen und sogar der Sport und der Kunstunterricht erschlossen.