Chinas nukleare Ambivalenz
Aufrüstung, Intransparenz und blockierte Rüstungskontrolle
Chinas machtpolitischer Aufstieg hat auch Konsequenzen für seine Rolle als Nuklearmacht. Zwar hebt die Volksrepublik sich durch ihre defensiv ausgelegten Nuklearprinzipien von den anderen Nuklearwaffenstaaten ab, doch sind die Ziele seines wachsenden Nuklearwaffenprogramms nicht eindeutig. Getrieben von Bedrohungswahrnehmungen rechtfertigt China den Ausbau seines Nuklearpotenzials und bremst Transparenz. Das blockiert auch die nukleare Rüstungskontrolle: Die USA fordern die Einbeziehung Chinas, die Volksrepublik die vorherige Reduktion der ungleich größeren Zahl der US-Nuklearwaffen. Dialog darüber scheint schwierig – aber nicht unmöglich.
Am 3. September 2025 gedachte China mit einer sorgfältig inszenierten Militärparade des 80. Jahrestags des Sieges über Japan und des Endes des Zweiten Weltkriegs. Seit der Gründung der Volksrepublik China im Jahr 1949 nutzt das Land solche Inszenierungen, um innenpolitisch Autorität zu demonstrieren und nach außen militärische Modernisierung zu signalisieren. Neu war jedoch, dass China erstmals öffentlich alle drei Komponenten seiner nuklearen Triade (landgestützte Interkontinentalraketen, unterseebootsbasierte ballistische Raketen und strategische Langstreckenbomber) in einer einzigen Zeremonie präsentierte. Diese drei Komponenten sollen eine gesicherte Zweitschlagsfähigkeit garantieren und im Falle eines gegnerischen nuklearen Angriffs die Möglichkeit eines Vergeltungsschlags sicherstellen. Die nukleare Triade ist somit das Aushängeschild einer glaubwürdigen Abschreckungsstrategie. Neben China besitzen nur die USA, Russland und Indien diese Optionen.
Mit dieser Inszenierung unterstrich China nicht nur die zunehmende operative Flexibilität und Überlebensfähigkeit seiner nuklearen Streitkräfte, sondern markiert auch eine Veränderung strategischer Kommunikation. Während China lange Zeit auf Zurückhaltung, Mehrdeutigkeit und Geheimhaltung setzte, sendet es nun zunehmend sichtbare Abschreckungssignale an potenzielle nukleare Rivalen.
Vom Tian’anmen-Platz zur Weltbühne
Diese Verschiebung vollzieht sich im Kontext einer breiteren Aufrüstungspolitik der Volksrepublik in den vergangenen Jahren und steht in Verbindung zu einer selbstbewussteren außenpolitischen Strategieausrichtung durch Xi Jinping, China wieder als „Reich der Mitte“ zu etablieren und die „Great Rejuvenation of the Chinese Nation“ voranzutreiben. Dazu soll die Volksbefreiungsarmee (VBA) zum hundertjährigen Bestehen der Volksrepublik im Jahr 2049 zu einem „Weltklasse-Militär“ heranwachsen (Xi 2022). In diesem strategischen Narrativ sind nukleare Fähigkeiten ein zentraler Bestandteil umfassender militärischer Stärke und politischer Handlungsfreiheit. Xi verwendet diese Formulierung seit 2016 regelmäßig und verbindet sie oft mit der baldigen Durchsetzung der Ein-China-Politik (Fravel 2020). Vor allem die Taiwan-Frage dürfe laut Xi nicht…