Das besondere Buch
Ulrich Bröckling, Susanne Krasmann, Thomas Lemke (Hg.)
Glossar der Gegenwart 2.0. Suhrkamp: Berlin 2024, 418 Seiten
Die Gegenwart ist turbulent und vielschichtig – und schreit nach Analyse. Diese lässt sich mittels Detailstudien zu relevanten sozialwissenschaftlichen Aspekten oder aber durch Überblickswerke vornehmen, die sich in gewisser Weise als Sonden zur Ermittlung des Selbstverständnisses unserer Gegenwart verstehen lassen. Eine solche Sonde der besonderen Art ist das „Glossar der Gegenwart 2.0“. Zwei Jahrzehnte nach deren erster Fassung aus dem Jahr 2004 machen die drei Herausgeber:innen den abermaligen Versuch, Konzepte von mittlerer Reichweite, aber hoher strategischer Funktion zu ermitteln, die in aktuellen Debatten eine Schlüsselstellung einnehmen. Die analytische Ausrichtung folgt dem „Raster der Gouvernementalität“ (S. 15), zielt also auf Regierungs- und Governance-Aspekte vielschichtiger Art. Die aufgenommenen Stichworte sollen nach Auffassung der Herausgeber insbesondere eine nennenswerte Rolle in der Gegenwartssprache spielen, in unterschiedlichen Feldern auftauchen, maßgebliche soziale oder kulturelle Leitideen und Praktiken bezeichnen sowie im öffentlichen Diskurs umkämpft sein.
Nach einer ausführlichen Einleitung folgen 34 Einzelbeiträge (Lemmata) von unterschiedlichen Autorinnen und Autoren, meist aus dem Fach Soziologe oder Kulturwissenschaft. Die zunächst spannende Strukturfrage ist, welche Stichworte denn diese „Sondenfunktion“ abzubilden vermögen. Der Vergleich zur Fassung 1.0 zeigt hier bereits bemerkenswerte Verschiebungen an: Achtsamkeit statt Wellness, Disruption statt Normalität, Diversität statt Gender, Resilienz statt Prävention und Krieg statt Humanitärer Intervention sind nur einige Beispiele dafür. Einzeln wie in der Gesamtschau entsteht ein komplexes Bild. Den allermeisten essayartig angelegten Stichworten gelingt zudem eine bestens verdichtete State of the Art-Beschreibung der jeweiligen Problemlagen und Befunde. Dies gilt neben den bereits genannten für so verschiedene Phänomene wie Agilität, Algorithmus, Ansteckung, Anthropozän, Biodiversität, Care, Dekolonisierung, Digitalisierung, Epigenetik, Finanzialisierung, Hass, Identitätspolitik, Klimawandel, Künstliche Intelligenz, Nachhaltigkeit, Nudging, Ökologie, Planetar, Plastizität, Plattform, Populismus, Postfaktisch, Posthumanismus, Situiertheit, Social Media, Tracking/Tracing, Unsicherheit, Update, Vulnerabilität.
Pars pro toto nur drei Beispiele: Eva Horn stellt in „Anthropozän“ (S. 70–80) fest, dass die Beschleunigung der ökologischen Krise politische Disruption und Formen des sozialen Widerstandes rechtfertige und damit neue Formen des Politischen erfordere.
Ulrich Bröckling skizziert „Krieg“ (S. 208–220) in seiner ganzen Clausewitz’schen Vielschichtigkeit und konstatiert, dass sich die Kampfzone ausgeweitete habe, bei der Wirtschafts-, Cyber-, Umwelt-, Energie-,…
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