Das Elend der Geopolitik
Klaus Schlichte:
Das Elend der Geopolitik.
Hamburger Edition: Hamburg 2026,
170 Seiten.
Das Denken in Figuren der Geopolitik wurde einst von Friedrich Ratzel und seinem Schüler Rudolf Kjellén in Deutschland populär gemacht. Es war dann nicht zuletzt in Folge missbräuchlicher Verzerrung durch die Nationalsozialisten jahrzehntelang desavouiert, lieferte es doch die argumentative Grundlage für einen „Kampf um Lebensraum“. Doch es scheint zurück. Klaus Schlichte entfaltet in „Das Elend der Geopolitik“ eine grundsätzliche Kritik an einer Rehabilitierung des Gedankens, internationale Politik erneut und vornehmlich als Kampf von Mächten um Räume, Einflusszonen und strategische Vorteile zu verstehen.
So sehr Geopolitik in Deutschland nach 1945 tabuisiert wurde, so sehr blieben geopolitische Denkmuster im Rest der Welt stets wirkmächtig. Schlichte verortet die aktuelle Rückkehr im Kontext einer „Regression ins Nationale“ – mit dem Krieg in der Ukraine, zunehmender Aufrüstung, der leichtfertigen Aufwertung militärischer Instrumente und der Tendenz, diplomatische oder multilaterale Lösungen zugunsten staatlicher Machtpolitik zurückzudrängen.
Das erste Kapitel, „Geopolitik und Machtstaat“, führt den Zusammenhang zwischen geopolitischem Denken und der Idee des Machtstaats aus. Am Beispiel des deutschen Nationalstaats und seiner historischen Entwicklung wird sichtbar, wie sich eine Vorstellung von Außenpolitik etabliert hat, die staatliches Handeln primär als Machtakkumulation versteht. Daran schließt eine grundlegende Kritik des Machtstaats an, weil damit politische Beziehungen auf Konkurrenz und Dominanz reduziert würden.
Das zweite Kapitel, „Das Elend der Geopolitik“, rekonstruiert die Ursprünge geopolitischen Denkens in der imperialen Epoche und arbeitet zentrale Merkmale heraus: Raumdenken, Einflusszonen, nationale Interessen und die Vorstellung einer von Großmächten geordneten Welt.
Im dritten Kapitel, „Vier legitime Ordnungen“, verschiebt sich der Blick von der Kritik des Begriffs zu einer historischen Soziologie internationaler Politik. Schlichte unterscheidet vier Epochen beziehungsweise Ordnungsformen: die Dekolonisation als Phase, in der sich der Staat als dominante Form durchsetzt; den Ost-West-Konflikt als Zeit konkurrierender Legitimitäten; die Phase des Humanitarismus mit ihren widersprüchlichen Normen; und schließlich die gegenwärtige Zeit der „neuen Souveränität“, in der militärische Aufrüstung und nationale Selbstbehauptung wieder an Gewicht gewinnen.
Das vierte Kapitel, „Die Alternative“, sucht schließlich nach einem alternativem Zugriff auf internationale Politik und plädiert für eine kritische, historisch-soziologische Perspektive, die nicht vom Abstraktum Staat als naturgegebenem Akteur ausgeht, sondern stärker von gesellschaftlichen Verhältnissen, Legitimationsprozessen und rechtlichen Bindungen.
Mit Kant und seiner Frage „Was darf ich hoffen“ hebt Schlichte…