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Der Rezensent

Prof. Dr. Johannes Varwick ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Halle-Wittenberg und Mitherausgeber von POLITIKUM.

Das streitbare Buch

Odd Arne Westad: Der kommende Sturm. Der nächste große Krieg und wovor die Geschichte uns warnt. Klett-Cotta: Stuttgart 2026, 266 Seiten

Die gegenwärtige Weltlage ist fordernd. Vom russischen Angriff auf die Ukraine, anhaltendem Chaos im Nahen Osten, zunehmenden Großmachtrivalitäten etwa zwischen USA und China bis zur Infragestellung politischer Gewissheiten durch Trump geht eine Schockwelle aus, die vermeintliche Gewissheiten durcheinanderwirbelt. Aktuell gibt es eine Zahl, Intensität und Dauer von bewaffneten Konflikten wie seit 1990 nicht, auch wenn ein heißer Krieg zwischen Großmächten bisher nicht dabei ist.

Geschichte wiederholt sich nicht – aber vielleicht reimt sie sich manchmal. Das ist keine neue Erkenntnis, aber in dem von Helmut Dierlamm aus dem Englischen übersetzten Buch des in Yale lehrenden Historikers Odd Arne Westad wird diese These lehrreich und streitbar auf die aktuelle Weltlage übertragen. Die internationale Ordnung, wie sie jahrzehntelang bestand, gebe es nicht mehr. Die komplexe Welt der Gegenwart ähnele vielmehr der instabilen Konstellation des frühen 20. Jahrhunderts auf unheimliche Weise: Großmächte im Wettkampf um regionale Dominanz, Zollkriege, Aufstieg von Populismus und Nationalismus. Sollte es zu einem Krieg zwischen Großmächten kommen, „werden alle anderen aktuellen Kriege geradezu harmlos wirken“ (S. 13).

Westad fängt an mit einer Erinnerung an eines der ergreifendsten Mahnmale für die Millionen Opfer des Ersten Weltkriegs in einem kleinen französischen Dorf in der Picardie. Mit einem Monument wird der mehr als 72.000 britischen Soldaten gedacht, die allein dort – an einem einzigen Schlachtfeld von vielen – vermisst und nicht identifiziert sind. Sodann zeichnet er den Aufstieg der Großmächte des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts nach und beschreibt, wie wirtschaftliche Dynamik, Industrialisierung und koloniale Konkurrenz eine instabile, nationalistisch aufgeladene Ordnung erzeugten. All dies radikalisierte Politik und Öffentlichkeit. Anhand der Schritte in den Ersten Weltkrieg ab 1914 beschreibt er dann systematisch, wie Fehleinschätzungen, Bündniszwänge und Aufrüstung einen Konflikt auslösten, den wohl kaum jemand bewusst wollte, der aber höchst verheerende Wirkungen zeigte. In allen Kapiteln versucht Westad dann Pa­rallelen zur aktuellen Lage zu zeichnen. Man mag zu Recht manche Überdehnung seiner Analogie‑Logik kritisieren, aber anregend sind seine Mahnungen allemal.

Denn Westad legt plausibel dar, dass Risiken nicht zuletzt aus Fehleinschätzungen, Überreaktionen und strukturellen Spannungen zwischen Großmächten sich verselbstständigen können. Vor 1914 unterschätzten Eliten die Eskalationsgefahr, weil sie an Kontrolle und Rationalität der Staaten glaubten. Nationalismus, Imperienkonkurrenz und technologische Umbrüche schufen eine Ordnung, die hochgradig instabil, aber noch subjektiv beherrschbar erschien – genau diese…

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