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Der Autor

Jan Igloffstein hat sein Bachelor-Studium der Sozialen Arbeit an der OTH Regensburg absolviert und ist Mitautor des Regensburger Armutsberichts.

Der Autor

Tobias Kraus hat sein Masterstudium der Sozialen Arbeit an der OTH Regensburg absolviert und ist Mitautor des Regensburger Armuts­berichts.

Die Autorin

Prof. Dr. Ina Schildbach lehrt Politikwissenschaft an der OTH Regensburg. Sie ist auf Armut in Deutschland und weltweit spezialisiert. Zusammen mit ihrem Team hat sie den Regensburger Armutsbericht 2025 erstellt und ist dabei immer wieder auf das Thema Einsamkeit gestoßen.

Der Hund als Verbindung zum „Draußen“

Armut und Einsamkeit

Auch wenn sich Einsamkeit durch alle Bevölkerungsschichten und Altersgruppen zieht, lassen sich bestimmte Gruppen identifizieren, die besonders betroffen sind. Dieser Überblick über den Zusammenhang von Armut und Einsamkeit stützt sich auch auf eigene Erhebungen, u. a. bei der Tafel. Die inzwischen allgemein bekannte, jedoch abstrakte Korrelation wird auf diese Weise anschaulicher. Was bedeutet ein Leben in Armut und Einsamkeit? Und wie kann man gegensteuern?



„Ich war ja auch schon lange nicht mehr da (bei einer Essensausgabe). Weil ich verstecke mich dann in meiner Wohnung, das ist auch schwierig. […] Ich bin froh, dass ich einen Hund habe, weil dann muss ich raus.“

Die völlige Isolation von der Außenwelt, bei der das Haustier fast den einzigen Grund darstellt, die Wohnung zu verlassen, ist sicherlich ein Extrem. Aber es zeigt sehr eindringlich, was sowohl Studien als auch eigene Interviews mit Betroffenen und Experten belegen: Menschen, die arm sind, sind überdurchschnittlich häufig von Einsamkeit betroffen. Und Einsamkeit korreliert wiederum mit schlechter psychischer und physischer Gesundheit sowie politischer Partizipation. Bis hin zu Fällen, in denen die Wohnung zum Versteck wird, das man nur noch für den Hund und manchmal die Tafel verlässt.

In diesem Beitrag wird der Zusammenhang von Armut und Einsamkeit analysiert. Auf Basis bundesweiter und internationaler Ergebnisse sowie eigener Interviews mit Betroffenen bei Essensausgaben sollen die Wechselwirkungen erklärt und veranschaulicht werden. Leitend sind hierbei folgende Fragen: Wie stellt sich Armut und Einsamkeit für die Betroffenen dar? Welche Gruppen finden sich vermehrt innerhalb der Schnittmenge von Armut und Einsamkeit? Welche gegensteuernden Handlungsansätze gibt es, welche wären zu begrüßen?


Wie erzeugt Armut Einsamkeit?

Im Rahmen des Gesellschaftsreports des Landes Baden-Württemberg wurde 2024 ein eigener Bericht über den Zusammenhang von Armut und Einsamkeit erstellt. Aus diesem geht hervor, dass innerhalb der Schnittmenge von Armut und Einsamkeit bestimmte Gruppen besonders vertreten sind.

Am stärksten von Einsamkeit betroffen sind Armutsbetroffene mit schlechtem Gesundheitszustand (30,6 %). Danach folgen Alleinlebende, Personen mit niedrigem Bildungsabschluss sowie Menschen ohne deutschen Pass und Frauen (Velimsky 2024). Mit einem Blick auf die ebenfalls nach Personengruppen aufgefächerten Armutsgefährdungsquoten des Statistischen Bundesamts lässt sich festhalten, dass jene Gruppen, die besonders von Armut betroffen sind, auch besonders von Einsamkeit betroffen sind.

Bisheriger Forschung sind verschiedene Mechanismen zu entnehmen, mit denen eine Annäherung an das Zustandekommen armutsbedingter Einsamkeit möglich ist. Vier unseres Erachtens zentrale Mechanismen sollen im Folgenden vorgestellt und anhand unserer Interviews mit Armutsbetroffenen veranschaulicht und erklärt werden.


Kein Geld – keine Teilhabe

Der erste, naheliegendste und wahrscheinlich häufigste Punkt in der Forschung ist, dass Armutsbetroffenen die finanziellen Mittel fehlen, um am gesellschaftlichen Leben zu partizipieren. Üblicherweise wird hier auf Café-, Kino- und Theaterbesuche verwiesen, die Armutsbetroffene allenfalls in sehr eingeschränktem Maße realisieren können. So kann eine unsichtbare Barriere bei der Beteiligung an sozialen Aktivitäten entstehen. Dies bedeutet eine Reduktion sozialer Kontakte und kann langfristig bis zu ihrem gänzlichen Verlust führen.

In den Interviews mit Besuchern der Essensausgaben in Regensburg wurde dieser Zusammenhang von den Betroffenen deutlich artikuliert:
„Wenn ich mich mit irgendjemandem in der Stadt treffen will, wo trifft man sich da, ohne dass man a Geld mitnehmen muss?“ (Herr H)
„Beim Fußball schauen war ich jetzt nicht aktiv dabei, aber es setzt ja immer voraus, dass man gut Geld hat, Kaffee und Bier, was so teuer ist.“ (Herr Ö)
„Also zur Zeit kann ich ja nirgends hingehen, weil halt einfach das Geld nicht da ist.“ (Frau P)

Deutlich wurde hier allerdings auch, dass das Fehlen von Geld für die Betroffenen weitreichendere Folgen als die Unmöglichkeit von Café- oder Kinobesuchen hat. „Das langt hinten und vorne nicht“, beschreibt die finanzielle Situation unserer meisten Interviewpartner treffend. Ein Großteil der finanziellen Mittel muss in die Miete gesteckt werden, einigen reichen die Mittel dann selbst für eine gesunde Ernährung nicht mehr. Spätestens nach den Ausgaben für Lebensmittel bleibt „nichts mehr übrig“. Einsamkeit bzw. soziale Isolation erklärt sich hier also dadurch, dass das verfügbare Geld nicht bis vor die eigene Haustür reicht, wo nun mal ein Großteil des sozialen Lebens stattfindet.

Leidtragende sind nicht nur Erwachsene, die sich etwa an Aktivitäten ihrer Freundesgruppe nicht mehr beteiligen können, sondern auch deren Kinder. So berichtet eine Interviewpartnerin eindringlich von den Einschränkungen, mit denen ihre Tochter zu kämpfen hat: „Ich habe eine 14-jährige Tochter, die will was unternehmen. Ich kann nicht immer sagen: ‚Nein, du darfst nicht, weil das Geld nicht langt‘. Das ist auch ein riesengroßes Problem. Ich kann nicht immer sagen: ‚Es geht nicht, mein Geld ist noch nicht da‘. Das sind Rückschläge, die mich so ärgern.“ (Frau P)

Auch in ihrem jungen Alter ist die Tochter aufgrund der finanziellen Situation ihres Haushalts also bereits in ihrer sozialen Partizipation eingeschränkt. Es kann vermutet werden, dass sie einer höheren Exklusionsgefahr innerhalb ihrer peer group ausgesetzt ist, was uns zum zweiten Mechanismus bringt.


Stigma und Diskriminierung

Viele Armutsbetroffene sehen sich in ihrem Alltag Stigmatisierung und unterschiedlichen Formen der Diskriminierung gegenüber. Diesen Punkt zu betonen, scheint deswegen zentral, weil dadurch deutlich wird, dass der Rückzug häufig auf realen Erfahrungen der versagten Anerkennung bis hin zur Missachtung beruht. So treten in unseren Interviews mit Armutsbetroffenen sowie mit Verantwortlichen im sozialen Bereich die Gründe hervor, die Armutsbetroffenen von ihren Mitmenschen für den Rückzug aus dem sozialen Leben geliefert werden.

Die Leiterin der Regensburger Tafel führt die Ansiedlung ihrer Institution in einem „furchtbaren, ungedämmten Gebäude in einem Gewerbegebiet“ darauf zurück, dass „keiner uns [= die Tafel] will“. Von Werbeaktionen vor Supermärkten erzählt sie: „Dass ich da die Kunden immer anbettel, ob sie nicht noch eine Packung Nudeln mehr kaufen können. Und dann kommt: ja, was müsst ihr die Drecksausländer immer versorgen.“ Ähnliches berichtet eine ehrenamtliche Einrichtung, die armutsbetroffene Tierhalter mit Futter versorgt: „Na ja, also Sie brauchen bloß die Passanten einmal anschauen, die hier vorbeigehen, wenn hier Ausgabe ist, wie die hier die Leute anschauen. Herabschauen. Diese Ignoranz nach dem Motto: sowas könnte mir nie passieren, oder wie konntet ihr nur so weit kommen.“

Auch einige unserer Gesprächspartner bei den Essensausgaben berichteten von Diskriminierung, unter der sie leiden. Dies äußert sich bei Bürgergeldbeziehern zum Beispiel bei der Wohnungssuche: „Dann rufst du an, dann heißt’s, die wollen keine Leute vom Jobcenter, weil die alle Party feiern, da wirst du ja auch über einen Kamm geschert, ne?“ (Herr J) Viele berichteten zudem von Diskriminierung durch Polizei und Behörden. Insbesondere Obdachlose ­gaben an, von der Polizei regelrecht „verjagt“ zu werden: „Wenn du dich da an die Donau hockst, dann kommt die Polizei und jagt dich da weiter, weil was suchst du da? Dann sagst du, ich hock mich hierher, dann kommt halt die Schikane, ne? Aber mit dem können wir es eh machen, dann kann man wieder die Tasche durchsuchen und Personalien aufnehmen, ne? Immer das gleiche Ding, ne? Gleiches Schema.“ (Herr J)

Die Stigmatisierung Armutsbetroffener prägt deren soziales Leben. Ausschluss entsteht nicht nur durch fehlende Teilhabe, sondern wird auch aktiv von bedeutenden Teilen der nicht-armutsbetroffenen Mehrheitsgesellschaft betrieben. Für einen Rückzug aus der Gesellschaft, in der sie mit ihren begrenzten Mitteln ohnehin nicht viel zu partizipieren haben, in die eigenen vier Wände, haben Armutsbetroffene gute Gründe. Bzw. umgekehrt: Dem materiellen Faktor der Nicht-Teilnahme werden hier keine gegenteilig wirkenden Faktoren entgegengesetzt. Nicht zuletzt der drastische Anstieg von Gewalttaten gegen Obdachlose in Deutschland untermauert dies (Anfrage der Linken, Drucksache 20/13175). Dass und wie sich Armutsbetroffene die Ablehnung, der sie begegnen, zu Herzen nehmen, soll im Folgenden verdeutlicht werden.


Scham und Selbstisolation

Im ersten Abschnitt wurde dargestellt, dass Armutsbetroffene aufgrund monetärer Barrieren seltener unter Menschen sind. Im zweiten wurden hierfür entscheidende Aspekte des gesellschaftlichen Winds, der Armutsbetroffenen entgegenweht, dargelegt. Deshalb ist drittens das von Scham, Isolation bis hin zu Selbsthass geprägte Eigenbild Armutsbetroffener nicht überraschend. In der Forschung konnten Zusammenhänge zwischen Scham über Armut, psychischen Krankheiten und Drogenkonsum festgestellt werden, welche die Isolation Armutsbetroffener wiederum verstärken können (Batsleer/Duggan 2020). 

In unseren Interviews zeigte sich, wie viele Facetten Scham im Kontext von Armut haben kann. Einige litten unter der Scham für ihre Erwerbslosigkeit. Sie warfen sich selbst vor, „auf Kosten anderer“ zu leben, vermissten einen Sinn im Leben und wurden teils durch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen des Jobcenters in ihrer Sinnkrise zusätzlich bestärkt. Viele haben ein Bewusstsein dafür, dass man ihnen ihre Armut durchaus ansehen kann: „Mir hat das eine mal gesagt in der Norma, die kann die Armut auch riechen oder sehen, weil die Leute haben dann auch schlechte Zähne oder können die dann nicht mehr erneuern und es kostet alles was. Es gibt ja dann auch Zuzahlungen in der Zahnmedizin, das geht dann eben halt nicht mehr. […] Und dann sieht man eben auch die Armut und da schämen sich manche auch dafür, weil das ist ja auch ein Gefälle, wer dann oben ist und dann ganz runter fällt.“ (Herr I)

Die hier angesprochene äußerlich sichtbare Ungleichheit ist ein besonders wichtiger Punkt im Kontext der Debatte um Armut. So argumentieren Kritiker:innen des relativen Armutsbegriffes immer wieder damit, dass ein armer Mensch in Deutschland in anderen Staaten oder anderen Jahrzehnten sehr reich wäre. Das ist zutreffend, verkennt jedoch den entscheidenden, in dem Zitat angesprochenen Punkt: Wer in Deutschland 2025 lebt, vergleicht sich nun mal mit dem durchschnittlichen Lebensstandard in diesem Land und zu dieser Zeit. So kann man die Armut „riechen oder sehen“, auch wenn Menschen in armen Staaten nie in den Genuss von Zahnmedizin kommen.

Scham und Rückzug in die eigene Wohnung sind eng miteinander verwoben: „Die Einsamkeit ist ja teilweise auch deswegen da, weil die Leute Angst haben, sich im Endeffekt nach außen zu bewegen“, so ein Vertreter der sozialen Initiativen. Dies macht sich beispielsweise auch bei einem ehrenamtlich getragenen Verein bemerkbar, in dem – analog zur Essensausgabe der Tafel – Theater-, Fußball- und andere Kultur­tickets gratis vergeben werden. Eine Ehrenamtliche berichtet, dass Leute immer wieder fragen, „ja was ziehe ich denn da eigentlich an? Was mache ich denn da eigentlich?“. Es gibt also eine große Unsicherheit und Angst davor, als arm aufzufallen, indem man sich nicht „richtig“ anzieht oder verhält. Auch dies führt zu Rückzug. Durch das Bewusstsein, als arm aufzufallen, wird oft auch das Wahrnehmen von Gratisangeboten zur Herausforderung: „Und dann am 14. habe ich eine Karte gekriegt für die Schlossfestspiele. Und da geht aber jemand mit, weil alloa trau i mi da gar nicht hingehen. Des trau i mi ned. Weil mir irgendwie scham.“ (Frau A)


Gesundheit

Der starke Zusammenhang von schlechter Gesundheit, Armut und Einsamkeit wurde anfangs bereits erwähnt. Dass Armut oft mit schlechter Gesundheit einhergeht, hat verschiedene Gründe: prekäre Arbeitsbedingungen, schlechte Wohnbedingungen und ein schlechterer Zugang zur Gesundheitsversorgung seien hier nur exemplarisch genannt. Forscher aus Dänemark konnten zudem belegen, dass Menschen in benachteiligten Stadtteilen (deprived neighbourhoods) auf Einsamkeit häufiger mit gesundheitsschädigendem Verhalten (Rauchen, Alkoholkonsum, körperlicher Inaktivität) reagieren (Algren u. a. 2020). Auch hier konnte also ein Zusammenhang von Vereinsamung im Armutskontext und Selbstvernachlässigung nachgewiesen werden. Auch viele der Betroffenen, mit denen wir sprachen, gaben an, körperlich eingeschränkt zu sein. Nicht selten ist dies auf schlechte Arbeitsbedingungen zurückzuführen:

„Ich bin gelernter Kürschner, Leder- und Pelzzurichter. Ich habe Leder verarbeitet, Pelz verarbeitet. Habe dadurch meine Augen ein wenig verätzt. Sind zu über 80 Prozent schlechter geworden. Und auch noch mehr. Von halbem Jahr zu halbem Jahr.“ (Herr Ü)
„Ja, Rückenschmerzen und so. Wenn man jahrelang schwer gearbeitet hat. Äh, kann man nichts machen. […] Obwohl ich ja nie schwer heben sollte. Seit meinem 16. Lebensjahr habe ich immer schwer arbeiten müssen.“ (Herr H)

Neben diesen körperlichen Aspekten wurde in den Interviews vor allem die hohe psychische Belastung, die mit Armut verbunden ist, deutlich. Mehrere Betroffene betonten beispielsweise, dass sie seit vielen Jahren nicht mehr im Urlaub waren – es gibt keine Auszeit von der Armut. Andere geben als Grund ihrer psychischen Belastung die Pflege kranker Angehöriger – ebenfalls ein eigenes Armutsrisiko –, Traumata und die Abhängigkeit ihres Aufenthaltstitels von ihrem Erwerbsstatus an. Die Gesundheit Armutsbetroffener ist also auf verschiedenste Weise belastet. Gesundheitliche Einschränkungen senken in der Regel die Lebensqualität und -zufriedenheit. Zudem setzen sie der Möglichkeit sozialer Partizipation große Hürden, wenn sie sie nicht gar völlig verhindern.


Fazit

Armut und Einsamkeit verstärken sich gegenseitig auf vielfache Weise, wobei gesundheitliche Probleme, die auch ein Resultat von Armut sein können, sozialen Rückzug zusätzlich begünstigen. Finanzielle Einschränkungen erschweren die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, während Stigmatisierung und Diskriminierung Schamgefühle und Isolation vertiefen, was Armutsbetroffene nicht selten zum Rückzug aus dem sozialen Leben motiviert. Diese Mechanismen sind zentral bei der Entstehung eines Teufelskreises aus Armut und Einsamkeit, der für viele Betroffene schwer zu durchbrechen ist.

Einsamkeit erschien hier als mehr oder weniger unmittelbare Folge materieller Armut. Dass dieser starke Zusammenhang auch tatsächlich besteht, wird unter anderem durch die eingangs festgehaltene Beobachtung, dass besonders von Armut betroffene Gruppen auch besonders von Einsamkeit betroffen sind, plausibel. Gleichzeitig sind ausgehend von der materiellen Basis Verselbstständigungsdynamiken zu beobachten, die einen Beitrag zur Aufrechterhaltung des eben beschriebenen Teufelskreises leisten. Damit ist gemeint, dass gerade länger anhaltende Armut sich auf andere Dimensionen des Lebens überträgt und diese – ein stückweit entkoppelt von der materiellen Ausgangslage – selbst zum Problem werden. Deswegen bieten sich nicht nur auf die materielle Ausstattung zielende Interventionen an, sondern auch solche, die sich auf Gesundheit, Bildung und Teilhabe allgemein beziehen. Zur Einordnung: Es geht im Folgenden immer um die kommunale Ebene als Gestaltungsraum.


Best Practice und Handlungsempfehlungen

Ein in den Betroffeneninterviews gefallener Satz – „Aber manchmal denke ich natürlich auch, man kann einiges dafür tun, selber“ – bringt auf den Punkt, weswegen es keine einfachen Lösungen gegen Einsamkeit im Kontext von Armut gibt. In diesem Heft finden sich viele Ausführungen dazu, warum Einsamkeit ein politisches Phänomen ist, nur bleibt es zugleich eben auch ein privates. Es liegt in der Natur der Sache begründet, dass Einsamkeit Außenstehenden selten als solche augenfällig wird, insbesondere bei älteren Menschen. Um dem entgegenzuwirken, gründete die Stadt Barcelona 2008 das sogenannte Radars Project. Dieses basiert auf dem aktiven Einbezug von Nachbarschaftsnetzwerken. Nachbarn, lokale Geschäfte und Apotheken werden dazu ermutigt, darauf zu achten, ob ältere Menschen, denen sie im Alltag begegnen, womöglich unter Einsamkeit leiden. Ist dies der Fall, sollen die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Projekts informiert werden. Diese wenden sich dann je nach Situation direkt an die betroffenen Personen, um sie zu Aktivitäten einzuladen oder sie an professionelle soziale Dienste weiterzuvermitteln.

In Regensburg existiert das Konzept der sogenannten „Stadtteilkümmerer“, die als ehrenamtliche Ansprechpersonen für sämtliche Lebenslagen dienen und entsprechend weitervermitteln. Bekanntheit und Engagement des jeweiligen Stadtteilkümmerers beeinflussen die Reichweite dieses Hilfsangebots jedoch maßgeblich. Um diese der Beliebigkeit zu entziehen, wäre eine ergänzende Professionalisierung durch Sozialpädagog:innen wünschenswert. Überhaupt ist Quartiersarbeit im Kontext von Armut und Einsamkeit zentral. Sämtliche Möglichkeiten der Begegnung, wie es sie beispielsweise im Rahmen von ehrenamtlich betriebenen Cafés gibt, treffen auf hohe Nachfrage. Diese Orte müssten zahlreicher und in den einzelnen Stadtteilen verankert werden: „Da sind so viele Flächen genutzt, mit sehr teuren Getränken, Speisekarten versehen, wo unsere Gäste sich bestimmt nicht niederlassen können. Also der Raum gehört ja eigentlich allen, denke ich mir, in der Stadt“, so eine Ehrenamtliche aus dem Bereich der kulturellen Förderung.

Während sich diese Forderungen an die Politik richten und mit hohen Kosten verbunden wären, muss auch die Zivilgesellschaft in den Blick genommen werden. Bekanntermaßen mangelt es (fast) überall an Ehrenamtler:innen. Gerade hier besteht die Chance, Armuts- und Einsamkeitsbetroffene nicht nur als zu Versorgende zu adressieren, sondern einen inklusiv-emanzipatorischen Ansatz zu verfolgen. Das Leiden unter der Sehnsucht nach dem Erleben von Sinn wurde in unseren Betroffeneninterviews immer wieder deutlich. Umgekehrt betonten Betroffene, die ehrenamtlich engagiert sind, dass ihnen dieses Engagement in Sachen Selbstwert und Sinnsuche sehr guttut. Auch von Seiten sozialer und politischer Verantwortungsträger wurde in Interviews immer wieder hervorgehoben, wie ein ehrenamtliches Engagement genau dieser Sehnsucht zuträglich sein kann. In den Worten einer politischen Verantwortungsträgerin aus Regensburg:

„Das macht schon etwas mit Menschen. Und wenn man so eine Gemeinschaft erlebt, was da wirklich auch für Energie ausgeht, obwohl sie teilweise auch Krankheiten haben. Da ist einfach eine ganz andere Grundhaltung da. Und da bin ich überzeugt, das ist einfach auch ein Stück weit dem Ehrenamt geschuldet, weil sie einfach eine Aufgabe haben. Eine sinnvolle Aufgabe mit Selbstbestätigung.“

Dem Geist dieser Idee entsprechend renovieren Geflüchtete bei der NGO Space Eye selbst die Wohnungen, in denen sie anschließend leben, und auch bei der Tafel wird die Einbindung von Klient:innen als Ehrenamtliche praktiziert. Auf eine andere Weise findet diese Art der Einbindung von Menschen in prekären Lebenslagen in der „Straßen-Universität Stuttgart“ statt. Das 2008 ins Leben gerufene Projekt stellt nicht nur ein inklusives Bildungsangebot an Armutsbetroffene dar; als Dozent:innen werden sie ermutigt, ihre Lebensgeschichten und praktischen Fähigkeiten in Form von Kursen oder Workshops zu vermitteln.

Und schließlich gibt es in Regensburg die „soziale Futterstelle“, in der in Not geratene Menschen Nahrung für ihre Tiere erhalten. Die Etablierung dieser Organisation in allen Städten wäre ein wichtiger Schritt, auch wenn Hunde und Katzen das Problem der menschlichen Einsamkeit nicht lösen werden. Aber sie leisten unseren Erhebungen nach einen wertvollen Beitrag zur Stabilisierung von Armuts- und Einsamkeitsbetroffenen. Der Tag erhält Struktur und Sinn; da ist ein anderes Wesen, das einen anschaut. Und zugleich ist diese Erkenntnis zutiefst traurig – das Haustier dient als einziger Kontakt zum „Draußen“. Zwischenmenschlich bleibt noch viel zu tun.



Literatur

Anfrage der Linken, Drucksache 20/13175, S. 36: https://dserver.bundestag.de/btd/20/131/2013175.pdf

Algren, Maria Holst u. a. 2020: Social isolation, loneliness, socioeconomic status, and health-risk behaviour in deprived neighbourhoods in Denmark: A cross-sectional study. In: SSM – Population Health 10, S. 100546. DOI: 10.1016/j.ssmph.2020.100546

Batsleer, Janet/Duggan, James 2020: Loneliness and poverty. In: Batsleer, Janet (Hg.): Young and Lonely. The Social Conditions of Loneliness. Bristol, S. 39–50.

Velimsky, Jan A. 2024: Soziale Isolation und Einsamkeit armutsgefährdeter Menschen in Baden-Württemberg. Hg. v. Ministerium für Soziales Gesundheit und Integration Baden-Württemberg und Statistisches Landesamt FAFO Familienforschung Baden-Württemberg. Online verfügbar unter https://www.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m-sm/intern/downloads/Downloads_Familie/GesellschaftsReport-BW_1-2024.pdf

Zum Weiterlesen:
Der Regensburger Armutsbericht erschien kurz vor dieser POLITIKUM-Ausgabe und ist auch online zugänglich. Die begleitende Website bereitet zentrale Befunde anschaulich auf – darunter vertiefende Analysen zu psychosozialen Aspekten von Armut, wie sie auch dieser Beitrag thematisiert: https://www.armutsbericht-regensburg.de