Die Ersatzhandlung
Was politische Kommunikation mit Polarisierung zu tun hat
Nicht das Land ist polarisiert, sondern das Sprechen. Wo die geteilte Erzählung schwindet und Reichweite zur Leitwährung wird, verkommt Kommunikation zur „Ersatzhandlung“ — Empörung fühlt sich an wie Handeln, ohne aber etwas zu bewegen. Eine Demokratie, die wieder verbinden will, muss lernen, Erregung
nicht mit Ergebnis zu verwechseln.
Es gibt diesen einen Moment in fast jeder Talkshow-Aufzeichnung der letzten Monate, in dem es lauter wird. Die Gestik beschleunigt sich, die Gesichtsausdrücke werden härter. Das geschieht häufig, wenn einzelne Begriffe fallen: Brandmauer, Heizung, Bürgergeld, Rente. Die Stimmung kippt und der Content für Clips ist generiert. Was eingangs noch wie ein Streit über Sachfragen klang, wird zur Auseinandersetzung über Welten. Es geht plötzlich nicht mehr um den besseren Weg, sondern um die Frage, wer mit welchem Recht spricht. Wer dabei zuschaut, könnte den Eindruck gewinnen, dass wir es mit einer tief gespaltenen Gesellschaft zu tun haben. Und doch zeigen die empirischen Befunde der vergangenen Jahre etwas anderes: Die Bundesrepublik ist in ihren Grundüberzeugungen erstaunlich konsensual (vgl. Mau u. a. 2023). Polarisiert ist nicht das Land. Polarisiert ist das Sprechen.
Diese Diagnose ist Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen. Sie versuchen, drei Bewegungen sichtbar zu machen, in denen sich politische Kommunikation gegenwärtig selbst zum Polarisierungstreiber entwickelt, ohne dass dies von den meisten Akteur*innen intendiert wäre.
1. Vorpolitische Räume
Politische Differenz entsteht zuerst in jenem vorpolitischen Raum, in dem Menschen sich der Welt versichern, bevor sie über sie streiten. Walter Benjamin hat diese Schicht in „Der Erzähler“ (1936) mit einer Trias beschrieben, die heute beinahe unheimlich aktuell wirkt: Erzählung, Information und Sensation.
Die Erzählung, schreibt Benjamin, gibt Erfahrung weiter. Sie hat Zeit und Ruhe, ist in Kontexte eingebettet und lässt Deutung offen. Die Information dagegen ist „in dem Augenblick schon wertlos, in dem sie neu war“. Sie verlangt sofortige Plausibilität und hat keine Zeit zu reifen. Die Sensation schließlich ersetzt Sinnstiftung durch Reize.
Wer die kommunikative Gegenwart polarisierter Öffentlichkeiten verstehen will, sollte zuerst fragen, welche dieser drei Formen den vorpolitischen Raum gerade sprachlich strukturiert. Vieles spricht dafür, dass uns die Erzählung abhandengekommen ist und mit ihr die geteilte Erfahrungsgrundlage.
Deswegen beobachten wir, dass der politische Streit nicht produktiv, sondern zunehmend hitzig wird.
Anton Jäger (2023) hat dafür den Begriff der Hyperpolitik geprägt, eine Lage, in der alles politisch geworden ist: die Einkaufstüte, das Schnitzel, das Pronomen, der SUV. Während zugleich die Organisationen verschwunden sind, in denen politische Energie sich früher gebündelt, abgekühlt und in Verfahren übersetzt…