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Der Autor

Dr. Hans-Jürgen Bieling ist Professor für Politische Ökonomie am Institut für Politikwissenschaft der Universität Tübingen und leitet das DFG-Projekt EUInfra.

Geoökonomie und Geopolitik – ziemlich beste Freunde

Seit geraumer Zeit häuft sich die Rede von der Geopolitik und der Geoökonomie. Dabei handelt es sich um historisch vorbelastete Begrifflichkeiten, deren Verwendung auch in den aktuellen Diskussionen mitunter problematisch ist. Es gibt aber Möglichkeiten, sie analytisch produktiv und reflektiert zu verwenden.

Die Häufigkeit, mit der Begriffe verwendet werden, steht oft in einem umgekehrten Verhältnis zu ihrer analytischen Trennschärfe. Das ist wenig überraschend. Je mehr Personen sich auf ein allgemeines Phänomen beziehen, desto mehr unterschiedliche Aspekte, Konnotationen und Zusammenhänge werden adressiert. Dies war in den 1990er Jahren der Fall, als der Begriff der „Globalisierung“ die Runde machte; und dies scheint auch heute mit Blick auf Fragen der „Geopolitik“ und „Geoökonomie“ zu geschehen. Die Diskussion wird hierbei durch zwei Besonderheiten erschwert. Zum einen haben die Begriffe der Geopolitik und Geoökonomie eine längere – analytisch und normativ problematische – Vorgeschichte; und zum anderen bleibt das Verhältnis der Begriffe – vor allem in der politischen, aber auch in der akademischen Debatte – häufig unscharf und verschwommen.

Wie bei anderen zeitdiagnostisch relevanten Begriffen bemüht sich die Forschung darum, die Konturen von Geopolitik und Geoökonomie wie auch ihre zentralen Ursachen und Folgen klarer zu bestimmen. Bevor diese konzeptionelle Schärfung vorgenommen wird, lohnt sich jedoch ein Blick zurück auf die problematische Vorgeschichte.


Begriffsgeschichtliche Entwicklung

Der Begriff der Geopolitik reicht zurück bis ins 19. Jahr­hundert. Er thematisiert, dass räumliche Bedingungen, vor allem territoriale Aspekte, eine wichtige Grundlage der nationalen und internationalen Politik bilden (Helmig 2019). In den älteren geopolitischen Konzeptionen wird der Staat zumeist als ein organisches Gebilde begriffen, das sich in der Konkurrenz mit anderen Staaten zu behaupten hat und dessen Erfolgschancen in erster Linie durch territoriale Faktoren wie die geographische Lage, das Klima, die Landesgröße oder die Ausstattung mit Ressourcen bestimmt sind.

Einige der Konzepte – etwa die Unterscheidung von Land- und Seemächten (Alfred T. Mahan 1884–1917) oder die Idee des eurasischen „Heartlands“ von Halford Mackinder (1861–1947) – wirkten lange nach. Sie beeinflussten neorealistisch geprägte Politikstrategen wie den polnisch-amerikanischen Berater Zbignew Brzeziński (1928–2017) und damit intensiv die US-amerikanische Außenpolitik. Eine andere Linie der geopolitischen Diskussion war stärker sozialdarwinistisch gefärbt. Sie ging vom deutschen Geografen Friedrich Ratzel (1844–1904) und dessen raumdeterministischen Beobachtungen (Stichwort: „Lebensraum“) aus und führte über den schwedischen Staatswissenschaftler Rudolf Kjellén (1864–1922), der den Begriff der Geopolitik in die wissenschaftliche und politische Diskussion einführte, bis hin zu Karl Haushofer…

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