Zum Hauptinhalt springen Zur Suche springen Zur Hauptnavigation springen

Die Autorin

Dr. Silke Borgstedt ist Geschäftsführerin des SINUS-Instituts in Heidelberg.

Jenseits der Spaltungsdiagnose

Polarisierung als Resonanzphänomen in der gesellschaftlichen Mitte

Die Diagnose der „gespaltenen Gesellschaft“ greift zu kurz. Was wie Polarisierung aussieht, ist aus milieusoziologischer Perspektive eine Neuordnung gesellschaftlicher Konfliktlinien, in der dieselbe Realität höchst unterschiedliche Deutungen hervorruft. Die zentrale Spannung verläuft dabei nicht zwischen Mitte und Rändern, sondern innerhalb der Mitte selbst — und es geht weniger um materielle Verluste als um die Frage, wessen Lebensweise noch als normal und anerkennenswert gilt.



Kaum ein Begriff prägt die Diagnose gegenwärtiger Gesellschaften so stark wie derjenige der Polarisierung. Ob Klimapolitik, Migration, Genderdebatten, soziale Ungleichheit oder geopolitische Krisen, vielfach entsteht der Eindruck einer Gesellschaft, die sich zunehmend in unversöhnliche Lager aufspaltet. Die Rede von der „gespaltenen Gesellschaft“ ist längst zu einer festen Chiffre politischer und medialer Selbstbeschreibung geworden. Gleichzeitig fällt auf, dass die empirischen Befunde häufig weniger eindeutig sind als die öffentliche Wahrnehmung. Zwar lassen sich in einzelnen Themenfeldern durchaus wachsende Konflikte, emotionale Aufladung und gegenseitige Abwertung beobachten. Gleichzeitig weisen verschiedene Untersuchungen darauf hin, dass sich daraus nicht zwangsläufig auf eine umfassende gesellschaftliche Spaltung schließen lässt. Vielmehr entzünden sich Auseinandersetzungen häufig an spezifischen „Triggerpunkten“, an denen unterschiedliche Gerechtigkeits-, Anerkennungs- und Ordnungsvorstellungen sichtbar werden (Mau u. a. 2023). In jedem Fall greift die Vorstellung zweier klar voneinander getrennter Lager zu kurz.

Aus der Perspektive der Milieuforschung stellt sich die Frage daher anders. Weniger steht hier die Frage im Fokus, ob wir in einer gespaltenen Gesellschaft leben, sondern welche Formen von Polarisierung sich konkret beobachten lassen. Ein vertieftes Verstehen darüber, bei welchen Themen und in welchen Phasen diskursiver Prozesse Verständigung verunmöglicht wird, erfordert empirische Zugänge zur Wahrnehmung gesellschaftlicher Veränderungen aus Perspektive unterschiedlicher sozialer Gruppen und deren Bewertung sowie Integration in ihre jeweiligen Lebenswelten.

Der Blick auf die sozialen Milieus zeigt: Die gegenwärtigen Spannungen sind weniger Ausdruck einer einheitlichen Polarisierung als vielmehr Ergebnis einer Neuordnung gesellschaftlicher Konfliktlinien. Dort, wo alte Gemeinsamkeiten brüchig werden, entstehen zugleich neue Allianzen. Wo vertraute Zugehörigkeiten an Bedeutung verlieren, bilden sich neue Vertrauens-, aber auch Misstrauensgemeinschaften heraus (El-Mafaalani 2025). Das Gefühl, von politischen Entscheidungsträgern, wirtschaftlichen Eliten oder kulturell dominanten Gruppen nicht verstanden zu werden, erzeugt über Milieugrenzen hinweg neue Formen gemeinsamer Distanzierung. Polarisierung…

Weiterlesen mit POLITIKUM+

Lesen Sie diesen und alle weiteren Beiträge aus Politikum im günstigen Abonnement.
Mit Ihrem Abonnement erhalten Sie die vier gedruckten Politikum-Ausgaben im Jahr sowie vollen Zugriff auf alle Politikum+ Beiträge des Online-Angebots.
Jetzt abonnieren
Sie haben Politikum bereits abonniert?
Jetzt anmelden