Klassiker neu gelesen
Altérité im Datenzeitalter –
Simone de Beauvoir und
der moderne Antifeminismus
Simone de Beauvoir: „Le deuxìeme sexe“, 2 Bände,
Original von 1949
Simone de Beauvoir gilt als zentrale Impulsgeberin des modernen Feminismus nach 1945. Unter dem Eindruck zweier Weltkriege bemerkte sie in Le Deuxième Sexe (1949): „On ne naît pas femme, on le devient“ („Man ist nicht als Frau geboren, man wird es“). Sie kritisierte damit eine gesellschaftliche Ordnung, in der weibliche Rollen trotz jahrzehntelanger Kämpfe durch rechtliche Benachteiligung, ökonomische Abhängigkeit und patriarchale Institutionen fortlaufend reproduziert werden. Für die existenzialistische Philosophin bedeutete Feminismus insofern die Möglichkeit, sich nicht durch Geschlecht, sondern durch Selbstbestimmung zu definieren. Antifeminismus ist in diesem Verständnis keine biologische Reaktion, sondern ein soziales Gefüge, das Frauen weiterhin als „Altérité“ (das „Andere“) markiert.
Über 70 Jahre später zeigt sich ein doppelter Befund: Es gibt sichtbare Fortschritte in Bildung, Erwerbsbeteiligung und politischer Teilhabe, zugleich halten sich geschlechtsspezifische Lohnunterschiede, ungleiche Verteilung von Care-Arbeit und geschlechterspezifische Gewalt erstaunlich hartnäckig. Während normative Gleichstellung in vielen Rechtsordnungen weitgehend umgesetzt ist, besteht eine deutliche Spannung zwischen institutionellem Fortschritt und gesellschaftlicher Realität.
Der UN Gender Development Index belegt diesen ambivalenten Zustand. Er verzeichnet seit den 1990er Jahren durchgehend Verbesserungen. Auch der Global Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums dokumentiert eine stetige Verringerung struktureller Ungleichheiten. Gleichstellung ist damit kein fernes Ideal mehr, sondern rechtlich und institutionell in den meisten Ländern und auch auf internationaler Ebene verankert. Doch die Lücken bleiben nichtsdestotrotz groß. Selbst führende Staaten wie Island erreichen keine volle Parität, und nur wenige Länder überschreiten die Marke von 80 Prozent. Während Bildung (95 %) und Gesundheit (96 %) nahezu gleichgestellt sind, bestehen insbesondere bei ökonomischer Teilhabe (61 %) und politischer Macht (23 %) weiterhin große Lücken, deren Schließung bei heutigem Tempo noch über ein Jahrhundert dauern würde. Es hat sich also viel bewegt, aber die strukturell zentralen Bereiche bleiben ungleich.
Hinsichtlich de Beauvoirs Diagnose einer rechtlichen Entgrenzung von Frauen ist demnach teilweise Besserung zu attestieren. Doch die Fortschritte haben eine paradoxe Nebenwirkung: Sie rufen Gegenmobilisierung hervor. Der aktuelle Antifeminismus, von Anti-Gender-Rhetorikern über die „Manosphere“ bis zu rechtsnationalen Bewegungen, deutet Gleichstellung als Gefahr für eine vermeintlich natürliche oder nationale Ordnung. De Beauvoirs Beobachtung, dass sich das Männliche als neutral ausgibt und das Weibliche zum „Anderen“…