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Der Autor

Prof. Dr. Markus Wagner ist Universitätsprofessor am Institut für Staatswissenschaft der Universität Wien und forscht zu Polarisierung, Wahlverhalten und Parteienwettbewerb.

Polarisierung als Deutungskampf

Gibt es Polarisierung(en) und wenn ja, wie viele?

„Polarisierung“ ist zur Universaldiagnose unserer Politik geworden — meist negativ gewendet, als Vorwurf gegen den politischen Gegner. Doch der Begriff meint höchst Unterschiedliches, und ob Polarisierung als Gefahr oder als demokratische Normalität gilt, ist selbst Teil eines Deutungskampfes. Demokratie lebt von Gegensätzen und ihre Institutionen sind gebaut, um Konflikte zu verarbeiten statt zu vermeiden. Gefährlich wird daher weniger die Polarisierung selbst als ihr Gebrauch als Waffe, die legitime Meinungsverschiedenheit delegitimiert.



Polarisierung ist zur Universaldiagnose und Problembeschreibung unserer Politik geworden. Doch was genau meinen wir damit? Und wann ist Polarisierung tatsächlich ein Problem? Die Politik des 21. Jahrhunderts ist bisher von Krisen gekennzeichnet. Dabei wird immer wieder auch eine neue Ära der politischen Polarisierung diagnostiziert, und das in verschiedenen Ländern und Kontexten zugleich. Brexit, Fluchtmigration, Unabhängigkeitsbestrebungen in Katalonien und Schottland, die Coronapandemie oder Angriffe auf Parlamente in den USA und Brasilien – diese Ereignisse werden immer auch als polarisierend beschrieben. Dabei wird der Begriff meist negativ, als Warnung, verwendet. Denkt man an polarisierte Politik, kommen besorgniserregende Bilder in den Sinn: Straßenkämpfe in der Weimarer Republik, instabile Regierungskoalitionen in Italien oder Widerstand gegen Machtwechsel in den USA oder Brasilien.

Doch was bedeutet es, Politik als polarisiert zu betrachten? Journalist:innen und Politiker:innen verwenden den Begriff inflationär, doch Polarisierung kann unterschiedliche Bedeutungen haben und vielfältig genutzt werden. Daher ist es wichtig, diesen Begriff besser zu verstehen, um zu wissen, wie und wann Polarisierung stattfindet.

Um es vorweg klarzustellen: Die Polarisierung, die hier besprochen wird, ist nicht die gesellschaftliche oder soziale Polarisierung, die beispielsweise auf unterschiedlichen Lebenschancen verschiedener Bevölkerungsgruppen aufgrund von Einkommen, Bildung oder ethnischer Zugehörigkeit beruht. Stattdessen geht es um politische Polarisierung. Diese kann rein ideologisch sein, d. h. aufgrund politischer Überzeugungen entstehen. Oft ist Polarisierung aber auch affektiv. Die Gesellschaft teilt sich dabei in verschiedene politische Gruppen, wobei die jeweils eigene sehr positiv gesehen wird und andere Gruppen abgelehnt werden oder vielleicht sogar verhasst sind.


Was heißt Polarisierung?

Politische Polarisierung lässt sich daher einfach definieren als Spaltung aufgrund politischer Überzeugungen oder Identitäten. Dabei sind jedoch drei Unterscheidungen hilfreich, um zu verstehen, was Polarisierung bedeutet (s. Tabelle 1). Erstens: Bezieht sich die Polarisierung auf die Ebene der Eliten und Parteien oder meinen wir die Ebene der Bevölkerung? Zweitens: Ist sie ideologisch, beruht sie also auf unterschiedlichen politischen Überzeugungen und Präferenzen, oder affektiv, beruht sie auf Unterschieden zwischen Gruppen oder Identitäten? Drittens: Bezeichnen wir mit dem Begriff einen Zustand oder eine dynamische Entwicklung?


Eliten- oder Bevölkerungsebene?

Polarisierung kann sowohl auf der Ebene der Eliten und Parteien als auch auf der Ebene der Bevölkerung stattfinden. Politische Parteien können einander politisch nahestehen oder sehr unterschiedliche Positio­nen vertreten. Sie können einander als potenzielle Partner betrachten oder sich als erbitterte Rivalen sehen. Auf der Ebene der Eliten äußert sich Polarisierung in Reden, Parteiprogrammen, politischer Werbung oder Interviews.

Politikwissenschaftler beobachten die Polarisierung auf der Ebene der Eliten seit vielen Jahren. Wir wissen daher, dass die Polarisierung der US-amerikanischen Eliten im Laufe der Zeit stark zugenommen hat, da sich Demokraten und Republikaner immer weiter voneinander entfernt und deutlich voneinander abgegrenzt haben (McCarty 2019). In Deutschland hingegen hat vor allem der Aufstieg der AfD zu einer starken Zunahme der ideologischen Polarisierung der Eliten geführt. Das gilt vor allem bei soziokulturellen Themen wie Migration, bei wirtschaftspolitischen Themen ist die Polarisierung geringer (Le Corre Juratic 2025). Auf der Elitenebene kann Polarisierung also zunehmen, weil Parteien sich in Richtung politischer Extreme bewegen oder weil extreme Parteien an Popularität und politischem Einfluss gewinnen.

Auf der Ebene der Bevölkerung sprechen wir von Polarisierung, wenn tiefe Gräben zwischen den Bürger:innen be- oder entstehen. Dies kann bedeuten, dass Bürger in ihren politischen Ansichten ex­tremer werden, beispielsweise indem sie zu Themen wie Impfungen oder Migration klarere Positionen beziehen. Wenn wir an ideologische Polarisierung auf der Ebene der Bevölkerung denken, stellen wir uns oft zwei klar abgegrenzte Lager vor, denen sich die Bürger zuordnen. Eine solche eindeutige Lagerbildung ist aber eher selten. Die Einstellungen und Positionen von Wählern sind normalerweise nuanciert und vielschichtig, sodass wir selten zwei klar separierte Pole finden.

Die Politikwissenschaft, insbesondere in den Vereinigten Staaten, hat jedoch ein sogenanntes „ideological sorting“ beobachtet, bei dem sich die ideologischen Ansichten von Individuen zunehmend gruppenbezogen und entlang übergreifender Strukturen angleichen. Abtreibungsbefürworter in den USA befürworten heute mit höherer Wahrscheinlichkeit auch stärkere Waffenkontrolle, mehr Umverteilung und liberalere Einwanderungsbestimmungen (Levendusky 2009). Wenn sich Positionen zu einzelnen Themen auf diese Weise sortieren, kann dies dazu führen, dass sich Bürger tendenziell in zwei Lager aufteilen, selbst wenn die durchschnittlichen Positionen zu den einzelnen Themen nicht extremer geworden sind. Man kann sich vorstellen, dass eine Bürgerschaft, die durch diese Form der Polarisierung in zwei Gruppen gespalten wird, auch eine starke Identität entwickelt, die auf ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe basiert.


Ideologische oder affektive Polarisierung?

Hier wird daher eine zweite Unterscheidung relevant, die zwischen ideologischer und affektiver Polarisierung (Iyengar u. a. 2019). Affektive Polarisierung beschreibt die Gefühle, die Bürger aufgrund ihrer politischen Zugehörigkeit füreinander hegen. Diese Art der Polarisierung ist hoch, wenn Bürger sehr positive Gefühle gegenüber Anhängern ihrer eigenen Partei und Mitgliedern ihres ideologischen Lagers hegen und gleichzeitig sehr negative Gefühle gegenüber Angehörigen gegnerischer Parteien bzw. Lager. Kurz gesagt, affektive Polarisierung entsteht, wenn die eigene Gruppe geliebt und die gegnerische Gruppe gehasst wird. Gemessen wird affektive Polarisierung meist über Bewertungen der positiven und negativen Gefühle („feeling thermometer“) gegenüber Anhängern der eigenen und anderer Parteien.

Die politischen Gruppen, die die Grundlage affektiver Polarisierung bilden, können vielfältig sein. In den USA verläuft diese Spaltung hauptsächlich entlang der Trennlinie zwischen Demokraten und Republikanern. Diese zwei Gruppen fassen ideologische Differenzen gut zusammen, beschreiben aber auch soziologische und kulturelle Unterschiede. In den USA eignen sich die zwei Parteien hervorragend zur Bildung von Stereotypen und Vorurteilen. Sie dienen daher auch gut als Grundlage für gruppenbezogene Gefühle. Auch in Europa wird affektive Polarisierung folglich oft auf der Ebene der Parteiidentitäten untersucht, wobei hier das Bild durch die weitaus größere Anzahl von Parteien oft komplexer und schwieriger zu beschreiben ist. Polarisierung ist immer dort am stärksten, wo es binäre Gegensätze gibt: Bist du auf meiner Seite oder auf der der anderen? Daher fußen affektive Gegensätze zwischen politischen Gruppen in Europa oft auf anderen Grundlagen.

 Ein prominentes Beispiel für eine alternative Basis tief verwurzelter Identitäten sind Ideologien. In Deutschland ist die Unterscheidung zwischen links und rechts bekannt, wo sich Menschen anderen mit der gleichen ideologischen Überzeugung entlang dieser Logik nahe und positiv verbunden fühlen. Man bezeichnet sich als links oder rechts und diese Zugehörigkeit beschreibt weitaus mehr als nur Ideologie (Hjermitslev/Wagner 2026). Dabei kann die Loyalität gegenüber einer spezifischen Partei trotz klarer Zuordnung manchmal schwach ausgeprägt sein. Es ist in Deutschland insofern eher üblich, Menschen anhand ihrer allgemeinen Ideologieverortung zu beschreiben, als ihre konkrete Parteiaffinität zu erwähnen.

Manchmal bilden Personen die Grundlage für affektive Gruppenspaltungen. In den USA prägt die Person Donald Trump die Gruppenidentität womöglich stärker als die Partei der Republikaner. Für Jair Bolsonaro in Brasilien gilt das in ähnlicher Weise. In Österreich entschied sich die Präsidentschaftswahl 2016 zwischen Alexander Van der Bellen (Grüne) und Norbert Hofer (FPÖ) nur sehr knapp, und die Gesellschaft spaltete sich je nach den unterstützten Kandidaten. Der Wahlkampf zwischen Fidesz und TISZA 2026 in Ungarn war von gefühlter Zugehörigkeit zu Viktor Orbán oder Péter Magyar als Personen geprägt.

Aber auch Themen können affektive Gruppenspaltungen begründen. Ein wichtiges Beispiel ist der Brexit, der in Großbritannien zur Polarisierung führte (Hobolt u. a. 2021). In Deutschland haben beispielsweise die Corona- und die Flüchtlingskrise Gruppen­identitäten geschaffen (Stoetzer u. a. 2023): Menschen wurden „Willkommensklatschern“ oder „Impfgegnern“ zugeordnet. Diese Gruppengrundlagen für Polarisierung können besonders kurzlebig sein, da sie in Zeiten starker Konflikte intensiv werden, aber wieder erodieren, sobald der Konflikt aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwindet.

Die Unterscheidung zwischen affektiver und ideologischer Polarisierung betrifft hauptsächlich die Ebene der Bevölkerung. Polarisierung auf Eliten- und Parteienebene hingegen bezieht sich vor allem auf die von ihnen eingenommenen Positionen. Politische Eliten können jedoch auch affektiv aufgeladene Sprache in ihrer Rhetorik verwenden, um Gegner abzuwerten und herabzusetzen und sie als eigenständige, homogene Gruppen darzustellen. Sie können auch versuchen, Sympathie innerhalb der eigenen Partei und Abneigung gegenüber der anderen zu erzeugen. Eliten spielen also eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Gestaltung affektiver Polarisierung, auch wenn wir uns in der Regel nicht für die affektive Polarisierung innerhalb der Eliten selbst interessieren.


Zustand oder Trend?

Schließlich kann Polarisierung, drittens, sowohl einen Zustand als auch eine Dynamik beschreiben. Als Zustandsbeschreibung kann eine Gesellschaft stärker oder schwächer politisch polarisiert sein, d. h. Positionen können weiter auseinander oder näher beieinander liegen, und die Antagonismen zwischen politischen Gruppen können stärker oder schwächer sein. Dies ist üblicherweise gemeint, wenn Polarisierungsdiagnosen gestellt werden.

Polarisierung kann aber auch eine dynamische Konnotation erhalten, indem der Begriff Veränderung impliziert. Polarisierung bedeutet in diesem Sinne, dass eine Gesellschaft sich zunehmend polarisiert. Wir sprechen andersherum von Depolarisierung, wenn sich politische Gräben verringern.

Ist Polarisierung schlecht?

Die drei vorangestellten Überlegungen bilden einen Rahmen, der uns hilft, über Polarisierung nachzudenken und sie zu beschreiben. Dieser Rahmen ist nützlich, wenn andere von Polarisierung sprechen, aber auch, wenn wir selbst Polarisierungsdiagnosen stellen. Wenn alltagssprachlich von Polarisierung die Rede ist, geht es jedoch in der Regel nicht um soziologische oder politikwissenschaftliche Beschreibungen spaltender Konflikte. Stattdessen wird Polarisierung meist kritisch und gesellschaftsdiagnostisch verwendet. Sie dient als Befund eines besorgniserregenden Zustands. Wer sagt, Deutschland sei polarisiert, sieht dies in der Regel nicht als unproblematische Entwicklung. Der Begriff wird vielmehr als mindestens impliziter Vorwurf verwendet. In Debatten wird folglich Dritten vorgeworfen, polarisierende Sprache zu verwenden und spaltend zu wirken. Die Unterstellung lautet, die beschuldigte Person verschlimmere die Situation. Sie verleitet Menschen zu extremeren Positionen, schürt Wut und Verachtung oder erschwert es, einen Konsens zu finden.

Wenden wir uns also der Frage zu, warum Polarisierung zuvorderst negativ konnotiert ist und warum wir im Umgang mit diesem Begriff in öffentlichen Debatten vorsichtig sein müssen. Zunächst ist es wichtig festzuhalten, dass affektive Polarisierung tatsächlich Auswirkungen auf Gesellschaft und Politik haben kann. Auf der Ebene der Parteien bedeutet Polarisierung, dass sich diese weiter voneinander entfernen und unterschiedliche Positionen einnehmen. Darüber hinaus kann sich affektive Polarisierung auch auf politische Interaktionen auswirken, sodass Politiker nicht mehr bereit sind, zusammenzuarbeiten oder dies jedenfalls sichtbar zu machen. Dies bedeutet, dass Polarisierung auf der Ebene der Eliten leicht zu einer Blockade im Gesetzgebungsprozess führen kann. Mehrheitsbildungen oder gar konsensuale Einigungen werden schwieriger. Die Suche nach Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen gestaltet sich folglich komplizierter, wenn Parteien polarisiert sind. Polarisierung auf der Ebene der politischen Parteien erschwert zudem die Bildung von Regierungskoalitionen, da jede Partei größere Zugeständnisse machen muss, um mit ihren Rivalen zu regieren. Insgesamt verlangsamt und erschwert die Polarisierung das Regieren.

Auch auf der Ebene der Bevölkerung kann Polarisierung gravierende negative Folgen haben. Klaffen politische Ansichten weiter auseinander und sind politische Identitäten tief verwurzelt, sind die Bürger in ihrer politischen Denkweise und Bewertung voreingenommener. Sie suchen Informationen in den Medien stärker danach aus, ob diese ihre Position stützen oder nicht, und beurteilen das Handeln von Politikern je nach Zugehörigkeit zu einer bestimmten politischen Gruppe unterschiedlich.

Folglich begünstigt affektive Polarisierung selektive Informationssuche und parteiische Bewertung von Akteuren – zulasten von Verantwortlichkeit. Polarisierte Wähler:innen betrachten Politik als Nullsummenspiel, bei dem ihre Seite entweder gewinnt oder verliert. Das bedeutet, dass die Bürger tendenziell auch weniger gemeinwohlorientiert denken und wählen. Wichtig ist zudem, dass dies die Verantwortung von Politikern für ihr Handeln verringern kann, da Politiker unterstützt werden, weil sie „auf meiner Seite“ stehen, selbst wenn sie korrupt oder inkompetent sind.

Die Polarisierung auf der Ebene der Bevölkerung kann auch deshalb problematisch sein, weil sie zur sich selbst verstärkenden Dynamik wird. Signale einer aufgrund von Sach-, Personenfragen oder Identitäten gespaltenen Gesellschaft verursachen zusätzliche gesellschaftliche Spannungen. So zeigt das US-amerikanische Beispiel, dass Politik zu einem familiären Streit produzierenden Faktor wird: Menschen in politisch polarisierten Gegenden verbringen an Thanksgiving tendenziell weniger Zeit mit ihren Verwandten und Familien (Chen/Rohla 2018). Politik kann so zu einer konkreten Quelle von persönlichem Stress und Sorgen werden.

Darüber hinaus ist eine tief gespaltene Gesellschaft auch eine, in der Vorurteile und Stereotype stark ausgeprägt sind. Menschen werden schnell in Schubladen gesteckt, je nachdem, welchem Lager wir sie zuordnen. Dies kann zu verschiedenen Formen der Diskriminierung führen. In den USA gibt es sogar Hinweise darauf, dass jede Seite die andere „entmenschlicht“, was die politische Toleranz gegenüber der anderen Seite verringert (Martherus u. a. 2021). Die dramatischste Folge tiefgreifender Polarisierung ist, dass sie zu geringerer Unterstützung für demokratische Prinzipien führen kann. Wenn Bürger Politik als ein Spiel zwischen Gewinnern und Verlierern betrachten, wollen sie möglicherweise, dass demokratische Regeln selektiv angewendet werden. Regeln zu brechen, um eine verhasste Minderheit an der Machtübernahme zu hindern, könnte als legitim angesehen werden. Manche behaupten sogar, Polarisierung könne Menschen dazu verleiten, politische Gewalt zu befürworten (Kalmoe/Mason 2022).

Polarisierung wird daher im Allgemeinen als etwas Schlechtes oder Unerwünschtes betrachtet. Wer von einer polarisierten Gesellschaft spricht, nutzt dies meist, um politische Debatten zu kritisieren. Personen mit starken Positionen werden als Polarisierer wahrgenommen, die darauf abzielen, die Bevölkerung zu spalten und Feindseligkeiten zu schüren.


Warum wir in Demokratien mit Polarisierung leben müssen

Dies ist jedoch aus fünf Gründen zu einfach gedacht: Erstens basiert Demokratie auf dem Vorhandensein unterschiedlicher Positionen. Wir brauchen demokratische Institutionen wie Wahlen und Parteien, um Debatten zu lösen, in denen Bürger unterschiedliche Interessen und Präferenzen haben. Gäbe es überhaupt keine Polarisierung, bräuchten wir keine Demokratie – eine Technokratie würde genügen. Wer Polarisierung kritisiert, muss anerkennen, dass unterschiedliche Positionierung an sich kein Problem darstellt, sondern der Grund ist, wieso wir Demokratien brauchen. Als Gesellschaften müssen wir aber darauf achten, dass Polarisierung zu produktiven Konfliktlösungen führt, anstatt Lagerbildung zu verfestigen.

Polarisierung ist auch ein starker Motivator und Mobilisator. An sich wünschen wir uns politisch informierte Bürgerinnen und Bürger, die sich an politischen Debatten und an Wahlen beteiligen. Das passiert eher, wenn die Bevölkerung das Gefühl hat, dass etwas auf dem Spiel steht und ihre Stimme etwas bewirkt. Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass die ideologische und affektive Polarisierung politische Partizipation und Wahlbeteiligung erhöhen (Harteveld/Wagner 2023). Trotz der möglichen negativen Folgen der Polarisierung können also einige ihrer Auswirkungen aus Sicht der Demokratie sogar positiv sein.

Zweitens
sind die Erkenntnisse über die Folgen der Polarisierung für die Demokratie nicht eindeutig. Neuere Studien stellen in Frage, wie viele Menschen tatsächlich politische Gewalt befürworten, selbst unter denjenigen, die stark polarisiert sind (Westwood u. a. 2022). Experimente, die die affektive Polarisierung reduzieren, führen zudem nicht zu einer starken Veränderung der demokratischen Einstellungen (Broockman u. a. 2023). Die Befürchtung, dass Polarisierung zum Zusammenbruch der Demokratie führen kann, könnte also übertrieben sein.

Drittens
begünstigt Kritik an der Polarisierung stets den Status quo. Die Suffragetten des frühen 20. Jahrhunderts polarisierten im Kampf für das Frauenwahlrecht ebenso wie die Abolitionisten ein Jahrhundert zuvor im Kampf gegen den Sklavenhandel. Sollten wir diese Bewegungen dafür kritisieren, dass sie Spaltung und Konflikte schürten? Bewegungen als polarisierend zu bezeichnen kann auch dazu dienen, unerwünschte Veränderungen zu kritisieren. Obwohl der Begriff scheinbar neutral ist, kann er dafür benutzt werden, den Status Quo und den Stillstand zu rechtfertigen. Ob wir Polarisierung gut oder schlecht finden, hängt also von unseren eigenen Präferenzen ab. Der Begriff der Polarisierung ist daher oft Teil eines Deutungskampfes. Was wir von Polarisierung halten, hängt immer auch von unseren eigenen normativen Einstellungen ab. Man muss folglich in Betracht ziehen, wie der politische Kampf ausgetragen wird und ob die Mittel gerechtfertigt sind. '

Viertens
: Ein häufiger Denkfehler ist, dass Polarisierung immer symmetrisch ist. Der Begriff impliziert, dass zwei Pole sich gleichermaßen auseinander bewegt haben. Häufig ist es aber schon ausreichend, wenn eine Gruppe extremer wird oder ihre Gegner mehr verabscheut. Der Polarisierungsbegriff kaschiert daher unter Umständen die tatsächlichen politischen oder gesellschaftlichen Veränderungen. Wenn es um einseitige, asymmetrische Veränderungen geht, sollte man diese eindeutig benennen, statt mit dem Polarisierungsbegriff diese Tendenz unabsichtlich zu verstecken.

Fünftens schließlich sind die durch affektive Polarisierung entstehenden gruppenbezogenen Spaltungen nicht mit jenen vergleichbar, die beispielsweise durch ethnische Zugehörigkeit oder soziale Klasse entstehen. Parteipolitische und politische Identitäten werden freiwillig gewählt und basieren in der Regel auf ideologischen Idealen. Das heißt nicht, dass Diskriminierung und Ungleichbehandlung aufgrund politischer Identitäten gerechtfertigt wären. Es gibt durchaus Situationen, in denen es falsch ist, jemanden allein aufgrund seiner Überzeugungen anders zu behandeln, etwa bei der Einstellung von Mitarbeitern oder der Auswahl von Studierenden. Wenn Menschen jedoch extreme, unerwünschte, rassistische oder fremdenfeindliche Ansichten vertreten oder Parteien unterstützen, die solche Ansichten vertreten, unterscheidet sich dies deutlich von Diskriminierung aufgrund unfreiwillig gewählter Merkmale.


Fazit

Wir müssen uns vor jenen hüten, die den Begriff „Polarisierung“ zur vereinfachenden Kritik an politischen Gegnern verwenden. Polarisierung kann negative Folgen für die Gesellschaft haben, wenn sie so stark wird, dass sie politische Kompromisse behindert oder die Bevölkerung tief spaltet. Dennoch ist der Begriff eine allzu simple Kritik an politischen Gegnern, wenn legitime Meinungsverschiedenheiten als gefährliche Polarisierung umgedeutet werden.

Jede Gesellschaft wird Polarisierung hervorbringen, und demokratische Prozesse und Institutionen existieren gerade deshalb. Sie ermöglichen uns, trotz Polarisierung gesellschaftliche Entscheidungen zu treffen. Demokratische Institutionen sind gebaut, um Konflikte zu verarbeiten, nicht um sie zu vermeiden. Entscheidend ist, destruktive von produktiver Polarisierung zu unterscheiden – und den Begriff nicht als Waffe zu nutzen, um wichtige Meinungsverschiedenheiten zu delegitimieren.



Literatur

Broockman, D. E./Kalla, J. L./Westwood, S. J. 2023: Does affective polarization undermine democratic norms or accountability? Maybe not. In: American Journal of Political Science, 67(3), S. 808–828.

Chen, M. K./Rohla, R. 2018: The effect of partisanship and political advertising on close family ties. In: Science, 360(6392), S. 1020–1024.

Harteveld, E./Wagner, Markus 2023: Does affective polarisation increase turnout? Evidence from Germany, The Netherlands and Spain. In: West European Politics, 46(4), S. 732–759.

Hjermitslev, I.B., & Wagner, Markus 2026: Beyond partisanship: Ideological identities and affective evaluations. In: European Journal of Political Research, S. 1–22.

Hobolt, S. B./Leeper, T. J./Tilley, J. 2021: Divided by the vote: Affective polarization in the wake of the Brexit referendum. In: British Journal of Political Science, 51(4), S. 1476–1493.

Iyengar, S. u. a. 2019: The origins and consequences of affective polarization in the United States. In: Annual review of political science, 22(1), S. 129–146.

Kalmoe, N. P./Mason, L. 2022: Radical American partisanship: Mapping violent hostility, its causes, and the consequences for democracy. Chicago. Le Corre

Juratic, M. 2025: Dimensions of polarization, realignment and electoral participation in Europe: The mobilizing power of the cultural dimension. In: European Journal of Political Research, 64(3), S. 989–1015.

Levendusky, M. 2009: The partisan sort: How liberals became Democrats and conservatives became Republicans. Chicago.

McCarty, N. 2019: Polarization: What everyone needs to know. Oxford. Martherus, J. L. u. a. 2021: Party animals? Extreme partisan polarization and dehumanization. In: Political Behavior, 43(2), S. 517–540.

Stoetzer, L. F. u. a. 2023: Affective partisan polarization and moral dilemmas during the COVID-19 pandemic. In: Political Science Research and Methods, 11(2), S. 429–436.

Westwood, S. J. u. a. 2022: Current research overstates American support for political violence. In: Proceedings of the National Academy of Sciences, 119(12), e2116870119.