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Der Autor

Prof. Dr. Karl-Rudolf Korte ist Direktor Emeritus der NRW School of Governance. Bis 2025 hatte er den Lehrstuhl „Politisches System der Bundesrepublik Deutschland und moderne Staatstheorien“ an der Universität Duisburg-Essen inne.

Polarisierung der Wählermärkte?

Mehr Mitte als Ränder

Während Medien und soziale Netzwerke lautstark eine gespaltene Gesellschaft diagnostizieren, bleibt der deutsche Wählermarkt erstaunlich mittig. Die große Mehrheit wählt weiterhin Parteien der Mitte und verortet sich auch selbst dort. Was wie Polarisierung aussieht, ist daher vielfach „Polarisierungsbehauptung“ – eine gefühlte, medial befeuerte Spaltung, deren eigentliche Triebkraft weniger an den Wahlurnen liegt als im Strukturwandel der Öffentlichkeit.


Das Parteiensystem kennt in Deutschland den begrenzten, moderaten, pluralistischen Wettbewerb, es ist weniger polarisiert als in den meisten europäischen Nachbarstaaten. Nach 1949 entwickelten sich zunächst sehr viele Parteien. Ein Konzentrationsprozess setzte in den 1950er Jahren ein. Der ökonomische und gesellschaftliche Wandel erhöhte Wohlstand und Wohlfahrt. Sozialer und gesellschaftlicher Frieden machten aus Partikularem verbindend Integratives. Das veränderte auch die Parteien und deren Wettbewerb. Denn sie sind idealerweise ein Abbild des gesellschaftlichen Wandels. Folgt man dem Cleavage-(Spaltungs)Konzept der Parteien- und Wahlforschung, dann definierten sie über Jahrzehnte die Spaltungslinien in der Gesellschaft als langfristige Zuordnungen von Wählerschaften zu politischen Lagern. Die Spannungslinien sind in diesem Konzept durch sozialstrukturelle Konflikte erkennbar, die eine Gesellschaft ausdifferenzieren. Dazu gehören ökonomische Interessen, Religion, kulturelle Prägungen oder das Stadt-Land-Gefälle. Dahinter stecken gesellschaftliche Konfliktlinien, die den Parteienwettbewerb strukturieren: die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums (Arbeit vs. Kapital); kulturelle Differenzen in der politischen Partizipation (libertär vs. autoritär); das relative Gewicht von Staat und Markt; seit den 1990er Jahren ein neuartiges Konfliktpotenzial zwischen kosmopolitischen und kommunitaristischen Polen bzw. zwischen eher postmateriell-libertär-ökologischen und traditionell-autoritär-konservativen Spannungslinien. Es ist ein Mischungsverhältnis unterschiedlicher Dimensionen von ökonomischen (verteilungspolitischen) und kulturellen (wertebezogenen) Grundpositionen.

Aber diese Konfliktlinien sind integrativ angelegt. Anders sind die Wahlerfolge der sogenannten Parteien der politischen Mitte bei Hauptwahlen nicht erklärbar. Nach wie vor votieren auf dem Wählermarkt zwischen 70 und 80 Prozent aller Wählerinnen und Wähler nicht für Randparteien (vgl. Korte 2026). Eine Polarisierung des Parteienwettbewerbs wie in vielen anderen europäischen Nachbarländern ist in Deutschland nicht erkennbar. Die bürgerliche Mitte setzt sich weiterhin durch, zumindest im Westen der Republik, in dem sich allerdings elektoral mit großem Abstand die meisten Wählenden aufhalten.


Moderate Mitte

Wer über den Begriff „bürgerlich“ als Habitus oder Zustandsbeschreibung räsoniert, artikuliert stets gefühlte Zugehörigkeiten. Das gilt ebenso für die…

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