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Der Autor

Dr. Klaus-Peter Buss ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Soziologischen Forschungs­institut Göttingen SOFI.

Störungen im Betriebssystem

Maritime Logistik in Zeiten der Polykrise

Häfen und Schifffahrt sind für viele noch immer mit romantischen Vorstellungen von Weite und Weltoffenheit verbunden. Tatsächlich sind wir heute gesellschaftlich und ökonomisch in hohem Maße von globalen maritimen Transporten abhängig. Die maritime Logistik bildet eine wichtige kritische Infrastruktur, die aber zunehmend von den Auswirkungen der Polykrise erfasst wird.


Rund 90 % des weltweiten Handelsvolumens sind in irgendeiner Weise mit maritimem Transport verbunden. Transportiert werden Endprodukte, Rohstoffe, Zwischenprodukte, Produktionsanlagen. Auf dem Seeweg wurden 2023 weltweit über zwölf Milliarden Tonnen Handelsgüter versandt, darunter auch ein großer Teil der deutschen Exporte und Importe. Per Schiff finden Produkte deutscher Hersteller genauso ihren Weg auf die globalen Märkte wie umgekehrt europäische Märkte mit Produkten von anderen Kontinenten versorgt werden. Über deutsche Seehäfen wurden 2023 im Außenhandel knapp 259 Millionen Tonnen Güter umgeschlagen. Bei etwa 40 % davon handelt es sich um Massengüter wie fossile Brennstoffe, Erze, Getreide oder Dünger, bei etwa 60 % um Stückgüter, von denen fast drei Viertel in Containern transportiert werden. Von herausragender Bedeutung ist der Seeweg insbesondere für den Außenhandel mit Nicht-EU-Ländern (bezogen auf das Gewicht 62 % der Im- und Exporte). Etwa 40 % der containerisierten Seetransporte erfolgen im Außenhandel mit Asien (BMV 2025).

Aus gesellschaftlicher Perspektive ist die maritime Wirtschaft von zentraler Bedeutung für die Versorgung der Gesellschaft und die Einbindung der Wirtschaft in den Welthandel. Trotzdem ist uns die Bedeutung der riesigen maritimen Transportinfrastrukturen im Alltag oftmals kaum bewusst. Ihre Existenz und Nutzung wird als selbstverständlich empfunden und nicht hinterfragt. Doch erst die maritimen Logistikunternehmen verknüpfen global verteilte Produktionsstätten und Märkte für Produktion und Handel zu transnationalen Wertschöpfungsketten. Sie ermöglichen so ein globales Zusammenspiel einer Vielzahl höchst unterschiedlicher ökonomischer Akteure, von dem wir im Alltag angesichts seiner Dimensionen erstaunlich wenig mitbekommen (Buss 2022). Der maritime Transport steht wie kaum etwas anderes für die wirtschaftliche Verflechtung der Welt und ein ökonomisches Zusammenrücken der Weltregionen, von dem sich viele eine friedliche globale Entwicklung versprechen. Gerade in Bezug auf die ökonomische Globalisierung wirkt er wie ein Betriebssystem der in den letzten Jahrzehnten entstandenen globalen Wertschöpfungsnetze.

Dieses Betriebssystem wird in jüngerer Zeit allerdings immer wieder gestört. Während der Corona-Pandemie brachten Hafenschließungen, ausgebremste Logistikprozesse und aus dem Gleichgewicht geratene Endverbrauchermärkte die maritimen Transportketten aus dem Tritt und führten zu massiven Lieferstörungen und einer Explosion der Frachtraten, d. h. der…

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