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Wem nutzt die Politikwissenschaft?
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Von Anfang an begleiteten die deutsche Politikwissenschaft Prozesse der Selbstverortung und der Selbstvergewisserung. Dabei wurde auch immer wieder die Frage gestellt, welche Bedeutung sie für die Gesellschaft hat. In den letzten Jahren ist diese Frage zunehmend kontrovers diskutiert worden. Während einige Wissenschaftler*innen nach wie vor die Relevanz und die gesellschaftliche Wirksamkeit ihrer Disziplin betonen und ihr auf Grund ihrer modernen inhaltlichen und methodischen Ausdifferenzierung, ihrer Forschungsleistungen sowie ihrer konsolidierten Internationalisierung ein wettbewerbsfähiges Leistungspotenzial bescheinigen (Bleek, Gawrich), diagnostizieren andere ihre „Randständigkeit“ (Greven) und sprechen von der „Irrelevanz der Politikwissenschaft“ (Decker) oder befürchten auf Grund einer thematischen Zersplitterung den Verlust ihrer Identität.
Vor diesem Hintergrund hat die Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft (DVPW) 2018 die Möglichkeit zur Ausrichtung von Thementagungen eingerichtet. Die erste Tagung fand im Dezember 2019 unter dem Titel „Wie relevant ist die Politikwissenschaft? Wissenstransfer und gesellschaftliche Wirkung von Forschung und Lehre“ statt und wurde von fünf Untergliederungen der Fachvereinigung ausgerichtet. Aus dieser Tagung ergab sich die Idee für das Sonderheft der Zeitschrift, in dem auch eine Reihe der Tagungsteilnehmer*innen mit einem Beitrag vertreten sind.
Ziel dieses Heftes ist es nicht nur, einen Einblick in die Kontroverse um den gesellschaftlichen Nutzen der Politikwissenschaft zu geben, sondern auch, einen Überblick über die zentralen Themen, Fragestellungen und Ergebnisse der einzelnen Teilgebiete und ihrer Leistungen für die Gesellschaft zu liefern. Nach einer historischen Einführung zur Debatte im Fach erläutern einzelne Teildisziplinen ihre politische Relevanz für die politische Praxis: Politische Theorie, Demokratieforschung, Forschungen zum politischen System der Bundesrepublik Deutschland, Parteienforschung, Politische Soziologie, Politische Ökonomie, Internationale Beziehungen und Politische Bildung. Ergänzt werden diese Beiträge durch Interviews zum Selbstverständnis der Politikwissenschaft sowie zur Rolle der Politikwissenschaft in der Politikberatung.
Im Ergebnis wird deutlich, dass weitgehend Einigkeit darüber besteht, dass die Politikwissenschaft für die Gesellschaft von zunehmender Bedeutung ist. Die Frage jedoch, wie diese Bedeutung der Öffentlichkeit nachhaltig vermittelt werden kann, bleibt kontrovers.
Neu
Polarisierung(en)
Kaum ein Begriff prägt die Selbstbeschreibung demokratischer Gesellschaften gegenwärtig so stark wie der der Polarisierung. Er erscheint als Signatur unserer Zeit, in politischen Debatten ebenso wie in medialen Deutungen und sozialwissenschaftlichen Diagnosen. Doch je selbstverständlicher von einer „gespaltenen Gesellschaft“ die Rede ist, desto weniger klar wird, was damit eigentlich gemeint ist: ein messbares Auseinanderdriften von Einstellungen, eine verschärfte Wahrnehmung unterstellter Gegensätze, eine affektive Zuspitzung politischer Gegnerschaft oder ein diskursives Phänomen, das die beklagte polarisierte Spaltung selbst mit hervorbringt? Dieses Politikum-Heft setzt der vorschnellen Diagnose eine genauere Betrachtung entgegen. Polarisierung ist kein einheitliches Phänomen, sondern ein Bündel miteinander verschränkter Prozesse, die auf unterschiedlichen Ebenen wirken. Sinnvoller als von der Polarisierung zu sprechen ist es daher, Polarisierungen in den Blick zu nehmen, ihre soziale, kulturelle, affektive, diskursive und institutionelle Ausprägung mit je eigener Logik. Die Autor:innen prüfen empirisch, ob sich Einstellungen tatsächlich voneinander entfernen - oder vor allem deren Wahrnehmung. Sie rekonstruieren, wie politische Akteure, Medien und digitale Öffentlichkeiten Gegensätze kommunikativ verschärfen. Sie analysieren affektive Dynamiken von Misstrauen und politischer Abwertung bis in die Mitte der Gesellschaft hinein. Und sie fragen, wie Parlamente, Wählermärkte und die lokale Demokratie diese Spannungen verarbeiten oder verstärkt unter Druck geraten.Damit zielt das Heft auf eine entscheidende Klärung. Es trennt analytisch, was zu oft verschwimmt: legitimen demokratischen Streit von dysfunktionaler Polarisierung, die Systemvertrauen und Kompromissfähigkeit untergräbt. Für gesellschaftliche Akteure, politische Praxis und politische Bildung liegt darin der eigentliche Gewinn. Denn wer Demokratie verteidigen will, muss zuerst verstehen, was sie gefährdet und was sie ausmacht.