Die Autorin

Dr. Carolin Butterwegge ist Diplom-Sozialarbeiterin und als Lehrkraft für besondere Aufgaben in der Lehrer*innenbildung an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln beschäftigt.

Familienarmut, Kinder der Ungleichheit und Heraus­forderungen für Schulen

Die große Vermögensungleichheit in Deutschland zeigt sich auf allen Ebenen, so auch in den Entwicklungs- und Verwirklichungschancen von Kindern aus einkommensschwachen Familien. Die Folgen sind eine facettenreiche Deprivation in materieller und immaterieller Form. Der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungschancen wird im Kontext der Bildungsungleichheit sichtbar, wobei die wachsende Schulsegregation und die schlechte Ausstattung von Schulen mit hohem Anteil an Schüler*innen aus sozioökonomisch benachteiligten Familien womöglich zu einer Verstetigung der bestehenden Ungleichheiten beiträgt.

Die seit der Covid-19-Pandemie wachsende Kinder­armut, verstanden nicht als Armut an, sondern als Armut von Kindern, bildet hierzulande ein gesellschaftliches Kardinalproblem, da sie bereits ganz jungen Menschen Chancen auf Bildung und Teilhabe in ihrem weiteren Werdegang raubt. Zuletzt erreichte die Armut von Kindern und Jugendlichen im Pandemiejahr 2021 mit rund 2,9 Mio. Betroffenen einen neuerlichen Höchststand (vgl. Funke/Menne 2023, 1). Wenig verwunderlich, diskutieren Politik und Öffentlichkeit turnusmäßig über die individuellen und gesellschaftlichen Folgen sowie die Herausforderungen für Kinder-, Sozial- und Bildungspolitik, ohne jedoch das Problem zu beseitigen. Ob die von der Ampel-Koalition versprochene Kindergrundsicherung dies im Falle ihrer Realisierung bis 2025 ändern würde, ist zumindest solange ungeklärt, bis deren Konzeption und Höhe politisch konkretisiert sind.

Obwohl wachsende Bevölkerungsgruppen von Abstiegs- und/oder Existenzängsten betroffen sind und sich die Herausbildung einer „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ (Helmut Schelsky) schon lange als Illusion erwiesen hat, kommt der zunehmenden sozioökonomischen Ungleichheit und Polarisierung zu wenig öffentliche Aufmerksamkeit zu. Erwerbslose, Menschen mit geringen Einkommen oder niedrigen Qualifikationen, Ein-Elternteil-Familien, Kinder und Jugendliche, Ältere, Menschen mit Migrationsgeschichte, vor allem solche mit ausländischem Pass: Die Liste derjenigen, die hohe Armuts- und Exklusionsrisiken tragen, weil es ihnen einerseits an klassischen Merkmalen von „Leistungsträger*innen“ im Wirtschafts- und Erwerbssystem mangelt und sozialstaatliche Leistungen ihre Risiken andererseits ungenügend absichern, ließe sich noch weiter fortsetzen. Auf der anderen Seite wächst der Reichtum meist in der Hand weniger Privatiers ins Unermessliche, sodass dem reichsten Prozent der Bevölkerung rund 35 Prozent des Gesamtvermögens zugeschrieben wird (Schröder u. a. 2020, 515).

Die hohe Kinderarmut stellt eine spezifische Ausprägung sozialer Ungleichheit dar, deren andere, häufig übersehene Seite ein kaum vorstellbarer Kinderreichtum ist. Auch hier ist nicht der Reichtum an, sondern von Kindern gemeint, obwohl dieser Begriff im Deutschen zumeist ausschließlich für große Familien verwendet wird. Über dessen Umfang und…

Weiterlesen mit POLITIKUM+

Lesen Sie diesen und alle weiteren Beiträge aus Politikum im günstigen Abonnement.
Mit Ihrem Abonnement erhalten Sie die vier gedruckten Politikum-Ausgaben im Jahr sowie vollen Zugriff auf alle Politikum+ Beiträge des Online-Angebots.
Jetzt abonnieren
Sie haben Politikum bereits abonniert?
Jetzt anmelden
Neu

Ein Beitrag aus

Im Abonnement kein Heft verpassen