Der Rezensent

Prof. Dr. Stefan Schieren, Kath. Universität Eichstätt-Ingolstadt und Mitherausgeber von POLITIKUM.

Bücher zum Thema: Das schwierige koloniale Erbe

Als Boris Johnson im März 2021 ankündigte, die Ausstattung der Streitkräfte mit Nuklear­waffen deutlich auszubauen, hielt Stefan Kornelius dem britischen Premierminister in der Süddeutschen Zeitung vom 17. März 2021 vor, seine Regierung verlege „Großbritannien heraus aus dem europäischen Orbit und tue so, als würde das Empire mit der dazugehörenden Weltordnung fortleben“. Tatsächlich hat die Erzählung einer glorreichen imperialen Vergangenheit für die Protagonisten eines „global Britain“ bereits in der Leave-Kampagne der Brexitbefürworter eine zen­trale Rolle gespielt. Doch an den EU-Austritt schloss sich nicht die von David Cameron prophezeite „golden era“ der Beziehungen zu China, sondern die Niederschlagung der Demokratiebewegung in Hongkong an, der die frühere Kolonialmacht ohne die EU und ihre Wirtschaftsmacht im Rücken nichts entgegenzusetzen hatte. Weiter entlarvte der überhastete Abzug aus Afghanistan die „special relationship“ als Phantom. US-Präsident Biden ließ 36 Stunden vergehen, ehe er einen Anruf von Premierminister Johnson erwiderte. Den „delusions of Empire“ (New Statesman 6.–12. April 2018) folgten nun die „delusions of Global Britain“ (New Statesman 27. August – 2. September 2021).  

  • Michael Kenny, Nick Pearce: Shadows of Empire. The Angloshpere in British Politics. Wiley & Sons: Cambridge 2018, 224 S. 

Dieser illusionäre Blick auf die eigene Vergangenheit ist nicht nur erstaunlich weit verbreitet, sondern ebenso langanhaltend und politisch wirksam. „Shadows of Empire“ haben Michael Kenny und Nick Pearce ihre Analyse genannt und sich dabei eine Richtung des imperialen Denkens vorgenommen, die die „Anglosphere in British Politics“ besonders in den Blick nimmt. Als sich Großbritannien um 1900 als zunehmend überfordert zeigte, sein Weltreich gegen die imperialen Konkurrenten Frankreich, Japan, Deutschland und Russland zu verteidigen, sollte ein Zusammenschluss der englischsprachigen Länder (die Siedlerkolonien Kanada, Aus­tralien, Neuseeland und Südafrika sowie die USA) an die Stelle der „Pax Britannica“ treten, Frieden und Wohlstand sichern und, ganz im Sinne der liberalen Imperialisten, die Keimzelle für einen Völkerbund bilden. „From Empire to Commonwealth“ lautete die Devise (33).  

Das Scheitern dieser Idee im Zuge der Dekolonisierung hatte aber nicht deren Verschwinden zur Folge. Obwohl die Amerikaner bei der Gründung des Festwechselkurssystems von Bretton Woods 1944 und der NATO 1949 keinen Zweifel an ihrem Führungsanspruch ließen, dem sich die Briten aus Schwäche zu unterwerfen gezwungen sahen, träumte Churchill den Traum einer Union der englischsprechenden Völker weiter, die einer Union der Völker Europas gegenüberstehen sollte (51 ff.). Diese Politik führte das Land in eine Sackgasse, die es erst 1973 mit dem Beitritt zur EWG verlassen…

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