Im Interview

Prof. Dr. Monika Schreiner, Honorarprof. an der Leibniz Universität Hannover, leitet den Programmbereich „Pflanzenqualität und Ernährungssicherheit“ am Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenanbau. Ziel des interdisziplinär arbeitenden Projektteams ist es, Wissen zum Thema Nachhaltigkeit in der Ernährung und Ernährungssicherheit zu generieren. Dadurch soll ein Beitrag zur Verwirklichung der UN-Nachhaltigkeitsziele geleistet werden.

 Das Interview für POLITIKUM führte Ina Schildbach.

„Es geht nicht um Verzicht, es geht um Vielfalt!“

POLITIKUM: Liebe Frau Schreiner, ich würde Sie zum Einstieg bitten, dass Sie uns, die wir einfach einkaufen und essen, was das Warenangebot heute hergibt, und uns nicht wissenschaftlich mit Ernährung beschäftigen, kurz abholen. Könnten Sie skizzieren, wie Ihrer Ansicht nach unsere Nahrung in der Zukunft aussehen wird? Ich denke, dass es für viele von uns schwierig ist, sich das vorzustellen – Essen wir bald alle Insekten, Grünalgen und durch Präzisionslandwirtschaft gewonnenes Gemüse?

Monika Schreiner: Tatsächlich begegnet mir diese Frage häufig, oft auch in Form von Ängsten: Wird mir dann meine Currywurst genommen? Auf was muss ich noch verzichten? Aber das ist nicht unser Punkt. Es geht nicht um Verzicht, es geht um Vielfalt! Und natürlich muss Essen schmecken, sonst setzen sich Food-Innovationen nicht durch.

POLITIKUM: Zugegebenermaßen fällt mir die Vorstellung bei Insekten aber schwer. 

Monika Schreiner: Das verstehe ich. Insekten zum Beispiel sollen aber gar nicht in ihrer ursprünglichen Form „aufgetischt“ werden. Wir arbeiten vielmehr daran, dass einzelne daraus extrahierte Inhaltsstoffe in herkömmliche Lebensmittel wie in Pasta eingearbeitet werden. Natürlich haben die Nudeln dann auch eine andere Geschmacksnote, aber die üblichen Food- Produkte der westlichen Ernährungsweise blieben erhalten. Oder denken Sie an Sushi, da konsumieren wir ja schon längst Algen. Insofern denke ich, dass es keinen radikalen Bruch mit der bisherigen Genusskultur geben wird, sondern wir unser Essen sukzessive um weitere Elemente bereichern. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die man nicht übers Knie brechen kann, sondern alle müssen mitgenommen werden.

POLITIKUM: Da klingt bereits durch, dass Sie mit Widerständen rechnen. Bevor wir darauf näher eingehen, stellt sich für mich die Frage, weswegen es diese Veränderungen geben wird oder vielleicht sogar geben muss. Vor welchen Herausforderungen stehen wir, die überhaupt ein Nachdenken und Forschen über diese neuartigen Weisen der Ernährung und den gesellschaftlichen Umstellungsprozess notwendig machen?

Monika Schreiner: Da sind zunächst die offensichtlichen Ereignisse wie die Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine. Denken Sie an die Störungen in den Lieferketten, die beide Ereignisse ausgelöst haben. Allein die Havarie eines Schiffes im Suezkanal hat ja, wie uns 2021 vorgeführt wurde, das Potenzial, sämtliche Abläufe des weltweiten Handels durcheinander zu bringen. Als wir unser Projekt entwickelt hatten – das war vor der Covid-19-Pandemie –, konnten wir noch gar nicht absehen, dass unsere Zukunftsszenarien tatsächlich so schnell Wirklichkeit werden würden. Neben dem Szenario „no trade“, bei dem die Realität uns eingeholt hat, bestand unsere…

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