Im Interview

Prof. Dr. Eckart Köhne ist Klassischer Archäologe, Direktor des Badischen Landesmuseums und Präsident des Deutschen Museumsbundes. 

Das Interview für POLITIKUM führte Stefan Schieren.

Interview mit Eckart Köhne

POLITIKUM: Der Museumbund hat 2018 einen Leitfaden zum „Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“ herausgegeben, der seit Februar 2021 in dritter Fassung vorliegt. Aus welchem Anlass haben Sie sich als Museumsbund diesem Thema zugewandt und wer hat das Projekt initiiert?

Köhne: Der Umgang der ehemaligen Kolonialmächte mit ihrer kolonialen Vergangenheit ist kein neues Thema in der Museumsszene. Es hat allerdings durch die Rede des französischen Präsidenten Emmanuel Macron im November 2017 an der Ouagadougou-Universität in Burkina Faso eine neue politische Aufmerksamkeit bekommen. Es ist ein Thema, das die Welt seit dem Ende der formalen Kolonialherrschaften beschäftigt, und gerade die afrikanischen Staaten haben im Zuge ihrer Emanzipation immer wieder diese Frage gestellt. Ein wichtiger Meilenstein war 2007 die Deklaration der Rechte indigener Völker durch die Vereinten Nationen. Spätestens seit dieser Zeit setzen sich die ethnographischen Museen in Deutschland intensiv mit dem Thema auseinander und bauen Netzwerke mit Institutionen und Persönlichkeiten aus den Herkunftsgesellschaften auf.

Der Deutsche Museumsbund (DMB) ist als Verband der Museen nicht nur in der Lobbyarbeit tätig, sondern unterstützt die Museen auch bei ihrer Professionalisierung. Wir geben seit vielen Jahren Leitfäden zu verschiedensten musealen Themen heraus. Schon 2013 legte der DMB einen umfangreichen Leitfaden zum Umgang mit Human Remains vor, also den menschlichen Überresten in den europäischen und deutschen Sammlungen, der weltweit positiv aufgenommen und genutzt wird. Der Umgang mit diesen Human Remains war seinerzeit das drängendste Problem für die Herkunftsgesellschaften.

Aufgrund der sehr guten Erfahrungen mit diesem Leitfaden und wegen der großen Nachfrage, das Thema auf das gesamte koloniale Erbe in den Museen auszuweiten, haben wir uns der Aufgabe gestellt, einen entsprechenden Leitfaden zu entwickeln.

Die Vorarbeiten zu diesem Leitfaden haben bereits 2014 begonnen, also lange vor Macrons Rede. Die politische Aktualität hat uns dann eingeholt. Wir hatten den Leitfaden zum „kolonialen Sammlungsgut“ von Beginn an so geplant, dass er in drei Stufen erarbeitet wird. Es gab eine erste Veröffentlichung 2018, die in einem zweiten Schritt vor dem Hintergrund der Reaktionen 2019 überarbeitet wurde. In einem dritten Schritt wurden dann die Herkunftsgesellschaften einbezogen, so dass wir den Leitfaden letztlich mit allen potentiellen Nutzergruppen zusammen entwickelt haben. Jetzt ist im Februar die abschließende Version erschienen, die aber, so wage ich zu prognostizieren, in einigen Jahren erneut überarbeitet werden muss.

POLITIKUM: Ist die Einbeziehung der Herkunftsgesellschaften von Beginn an vorgesehen gewesen, oder ist sie aufgrund der Reaktionen auf die ersten Versionen erfolgt?

Köhne: Die…

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