Autor*innen

Dr. Laura Goldenbaum arbeitet seit 2019 in der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss als wissenschaftliche Referentin im Bereich der Generalintendanz.

Dr. Andrea Scholz ist Kuratorin für transkulturelle Zusammenarbeit am Ethnologischen Museum Berlin. Seit 2012 hat sie dort ein Netzwerk zwischen dem Museum und indigenen Part­- ner*in­nen in Brasilien, Kolumbien und Venezuela aufgebaut.

Wenn wir ein „Wir“ wollen, muss es „uns“ geben

Wie wird das Humboldt Forum wirklich zu einem Forum, das sich in der Diversität der Gesellschaft verortet? Woraus schöpft es sein transformatives Potenzial? Der Schlüssel liegt in der Zusammenarbeit mit Vertreter*innen sogenannter Herkunftsgesellschaften, mit gesellschaftlichen Initiativen und verschiedensten Interessengruppen in Stadt und Land, die sich kritisch mit der Institution und ihren Angeboten auseinandersetzen. Dabei ist es wichtig, auch all jene in den Blick zu nehmen, die (noch) wenig Interesse an dieser jungen Kulturinstitution im Zentrum Berlins haben.

Wir müssen reden – und nicht in Schlagworten. Wie können wir gemeinsam dafür Sorge tragen, dass sich das Humboldt Forum als öffentlich geförderte Einrichtung in der Breite der Gesellschaft entfalten kann? Wie können wir der Idee eines Forums gerecht werden, das von vielen gesucht und wirklich gebraucht wird? Ein Forum für alle, so lautet das Ziel. Doch was bedeutet das konkret? Begriffe wie kollaborative Praxis, Dekolonisierung, Heilung durch Zusammenarbeit, Abgabe von Deutungshoheit zirkulieren (nicht nur) im Umfeld des Humboldt Forums inflationär und bleiben doch nebulös, weil sie sich häufiger in Absichtserklärungen als in der Alltagsrealität widerspiegeln.

Im Folgenden werden wir uns dem kritischen und transformativen Potential annähern, das in der kollaborativen Praxis steckt. Dabei stehen unterschiedliche Formate der Erinnerungsarbeit im Fokus: ein Zeitzeugenprojekt zur Geschichte des Ortes und Projekte des Ethnologischen Museums mit Vertreter*innen sogenannter Herkunftsgesellschaften. 

Das Humboldt Forum ist ein Ort kontroverser Erinnerungen und komplizierter Beziehungen. Beide materialisieren sich im Schlossgebäude und seiner Geschichte wie in den dort ausgestellten ethnographischen Sammlungen. Und hierin steckt eine gehörige Portion Kontradiktion. Die wiederbelebte preußische, dominant christliche Herrschaftsikonografie dieses monumentalen, in seiner äußeren Erscheinung weitgehend historisch rekonstruierten Schlossneubaus gerät in Konflikt mit den programmatischen Inhalten des Humboldt Forums. In diesem Kontrast provoziert sie im positiven Sinne eine anhaltend kritische Ausein­andersetzung mit den Denkmustern, auf denen die Gestaltung dieses machtpolitischen Ortes aufsitzt.

Diese Spannungen verhärten sich, wenn in der „gebauten Erinnerung“ neben den Ausdruck hegemonialer preußischer und eurozentrischer „Meganomanie“ ein innerdeutscher Konflikt der Deutungshoheit tritt. Bedeutete der Wiederaufbau des Schlosses Satisfaktion für den Abriss der Hohenzollern-Residenz, so ist der Abriss des Palastes der Republik, der als ikonischer DDR-Bau diesen Ort besetzte, für viele Ostdeutsche eine emotional aufgeladene Geste missachteter Identität, ein Ausschließlichkeitsgestus, Zeichen der materiellen Auslöschung eines wichtigen Teils sozialer, kultureller und politischer DDR-Geschichte…

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